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Libertäre Rundschau

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Kurt Kowalsky:

Warum sollte nur der Dünndarm der Oma online sein?

Über die Grammatik der Gewaltherrschaft gestern, heute und morgen

Die Grammatik der Gewaltherrschaft gestern, heute und morgenVor einiger Zeit machte ich mich daran, nebenher einen Science-Fiction-Roman zu schreiben. Heute (2017) sind 380 Seiten geschrieben und ich hoffe, den von mir kreierten Raumfahrern gelingt es, auf den nächsten 100 Seiten wieder auf der Erde zu landen.

Beschäftigt man sich mit dem Science-Fiction-Genre, so fällt auf, dass die von den jeweiligen Autoren spekulierten technischen Mittel einem drastischen Verfallsprozess ausgesetzt sind. Jules Verne schoss seine Raumfahrer noch mit riesigen Kanonen auf den Mond, und die Kommunikatoren der ersten Star-Trek-Helden wirken aus heutiger Sicht geradezu vorsintflutlich und albern.

Die Reisen zu anderen Sternen, zu unendlichen Welten, zu neuem Leben und neuen Zivilisationen werden bei den Star-Trek-Serien der 1960er Jahre für das Jahr 2200 postuliert und später dann bis in das 23. und 24. Jahrhundert fortgeführt. Mein Roman spielt im 31. Jahrhundert. Und so waren sich meine Freunde allesamt darin einig, dass ich mich dabei übernommen hätte, denn niemand könne heute sagen, wie die Welt in 1.000 Jahren ausschaue.

Da ich meine Manuskripte vor der Veröffentlichung stets von Freunden gegenlesen lasse, kann ich bereits heute die entsprechenden Kritiken einschätzen. Der Teil meiner Kritiker, der meint, man könne nicht wissen, wie die Welt in 1.000 Jahre ausschaue, will jedoch sicher wissen, dass es dann keine Knöpfe mehr gäbe. Denn ein solcher Knopf wird in meinem Roman von jemandem gedrückt.

Ich meine keinen Hosenknopf, obwohl die Uniformen der Star Trek Offiziere in der TV-Serie Raumschiff Enterprise eine frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Trainingsanzügen haben, bei denen Gummizüge die Hosen festhalten.

Jeder physikalische Bullshit wäre aber wahrscheinlich unbeanstandet geblieben. Da es meist an den entsprechenden naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen mangelt, ist man sich nicht so sicher, ob zum Beispiel das Trägheitsprinzip nicht doch eines fernen Tages mittels der Erfindung eines »Trägheitsabsorbers« auszuhebeln sei. Und ein solcher wäre notwendig, sieht man sich aus dramaturgischen Gründen gezwungen, in den Weiten des Weltalls herumzukutschieren, wie die Kinder auf dem Volksfest im Autoscooter.

Nachdem in den letzten Jahrzehnten der Hebel vom Knopf, der Knopf von der Taste, die Taste durch den Touchscreen und dieser durch die Sprachsteuerung ersetzt wurde, bedarf es tatsächlich keiner großen Phantasie, um vorherzusagen, dass das technische Gerät, die Wohnungstür oder das Auto der Zukunft, seinen Besitzer so sicher wie ein Hund sein Herrchen erkennen wird. Da gibt es dann gar nichts mehr zu drücken. Nur wedelt das Auto nicht vor Freude mit dem Schwanz.

In den filmischen Fiktionen sind die Hebel und Knöpfe an den Apparaturen bereits völlig verschwunden. Doch die Technik versagt ständig, weil fremde Mächte, Geister, Dämonen und unbekannte Energien, die Frommen und Guten nicht in Ruhe lassen. Dann tippt sich ein genialer Ingenieur in den letzten 20 Sekunden bis zum infernalischen Untergang über einen mehrere Meter langen Touchscreen und rettet Schiff und Mannschaft und ab und an auch mal den gesamten Quadranten des Universums.

Dies ist keine Kritik an den Autoren und Machern derartiger Unterhaltungsserien. Ich wollte damit lediglich ausführen, dass sich die Art und Beschaffenheit von Knöpfen oder Tasten wandelt, die Notwendigkeit, mit den jeweiligen Maschinen interagieren zu können, jedoch nicht. Zumindest aus anarchistischer Perspektive sollte dies so sein. Denn ob ein Herrschaftsapparat meine Integrität verletzt oder ein Konzern ist zweitrangig.

Vielleicht erinnern Sie sich noch. Johann Wolfgang von Goethe lässt in der Ballade des Zauberlehrlings selbigen einen Besen mittels Sprachsteuerung aktivieren. Dieser Besen schöpft dann Wasser. Recht schnell ist jedoch der Aktivierungsbefehl in Form eines Zauberspruchs, gegen den, den Zauber wieder abzuschalten, von untergeordneter Relevanz. Nach dem Machtrausch kommt die Angst und Verzweiflung, dann der Hilferuf: »Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.«

Dabei ist die Sprachsteuerung keine Erfindung von Goethe. Schon immer bedienten sich die Herrscher der Sprache, um die Beherrschten zu steuern.

Aber wir waren ja beim Knopf. Ein solcher ist das Interface zwischen dem individuellen Willen und anderen, fremden Systemen. Er stellt physikalisch die Phasengrenze zweier möglicher Zustände eines Mediums dar.

Wer den Button, um sich mit dem Smartphone irgendwo einzuloggen, ganz leicht zu bedienen weiß, er aber das Menü, sich wieder abzumelden, erst im dritten oder vierten Untermenü der Applikation findet, sollte nicht an Zufälle glauben. Nach dem »Walle, walle!« der kostenlosen Verbindung ins soziale Irgendwo, kommt das »Wehe, wehe!« der Kontrolle, Überwachung und Manipulation mit der gleichen Sicherheit, mit der die staatlichen Gewaltherrscher die elektronischen Verbindungen für ihre Zwecke missbrauchen. Der individuelle Wille wird zur leicht überwindbaren Bagatelle auf dem Weg zur sozialfaschistischen Glückseligkeit.

Ein merkwürdiger Wahn beschleicht offenbar die Menschen, extrapolieren sie die heutigen technischen Möglichkeiten in die knopflose Zukunft. Gestern noch hatte Oma mit Mühe das Smartphone bedient, heute hat sie bereits ein Gehirnimplantat. Dement liegt sie alsbald in einem Pflegeheim, wird über eine Magensonde künstlich ernährt, doch Facebook, Google, Amazon, WhatsApp, die Finanzverwaltung, das Landeskriminalamt sowie der Verfassungsschutz wissen genau, wo sich die »Kundin« befindet und was sie interessieren könnte.

Kaum gibt der Dünndarm ein entsprechendes Signal, schon bestellt der Kühlschrank »Enteral-Premium forte« in der 1000 ml Verpackung nach. Und da die Lieferung binnen zwei Stunden erfolgt, liegt der verdünnte Fraß über Nacht auf den Stufen des Pflegeheims im Regen.

Nein, da gibt es keinen Pförtner mehr. Die Kamera am Eingang erkennt die zutrittsberechtigen Personen. Den usbekischen Boten mit seiner Kapuze, der sich für 3,50 Euro Reallohn pro Stunde eine goldene Nase als freischaffender Delivery Manager verdient, wurde vom ausbeutenden Konzern noch nicht gemeldet.

Aber das alles hat auch sein Gutes. Bei der elektronischen Bekämpfung des grassierenden Bösen kann ein Drittel der Bevölkerung erstmal als unverdächtig abgehakt werden. Denn dieses Drittel vegetiert zwischen dem 90. und dem 120. Lebensjahr regelmäßig in diesen Pflegeheimen. Leider sind diese Opfer nicht mehr in der Lage, sich über den knopflosen Beutel des künstlichen Darmausgangs zu freuen.

Selbstverständlich sind derartige Prognosen ebenfalls mit einer gewissen Unschärfe belastet. Hat man dem freien Menschen in der freien Gesellschaft erst einmal das Rauchen, den Alkohol, das fette Essen und den Zucker verboten, haben sie eine gute Chance, auch noch ein paar Jahre länger im Pflegheim mit Gehirnimplantat und Magensonde frei herumzuliegen.

Und warten wir nochmals 1.000 Jahre ab, ist das Problemhafte der menschlichen Verdauung technisch überwunden. Die einmal gefressene Scheiße wird in einem implantierten Replikator vollständig recycelt und zirkuliert ein Leben lang.

Will der freie Mensch einmal etwas anderes verdauen, so kann er sich in einem zertifizierten Drive-In ein Update für seinen Replikator besorgen. Das Mac-Fisch-Update mit Biogemüse ohne Fisch de luxe dauert nur vier Minuten. Bildungshungrige und Frauen beiderlei Geschlechts können sich während der Wartezeit ein Video reinziehen, Titel: »Quantenfeldtheorie leichtgemacht«. Studenten erhalten für das Anschauen 27,5 Punkte. Für 25 Punkte gibt es am Ausgang des Drive-In eine Bachelor-Urkunde in theoretischer Physik. Dann hat man was Eigenes.

»Widerstand ist zwecklos« funkt es in einigen Episoden der Star-Trek-Serie vom Raumschiff der außerirdisch Bösen herüber. »Die Borg« (in Deutschland eine Bezeichnung für ein junges kastriertes Hausschwein) sind im Star-Trek-Universum eine untereinander gleichgeschaltete außerirdische Spezies. Ihr Gehirnimplantat ist mit einem vor dem Auge befindlichen Okular und einem Sender verbunden. Über »Subraumfunk« können die Borg ihr Kollektiv um Hilfe rufen. Ihr Ziel ist es, andere Spezies zu assimilieren, ihren Widerstand zu brechen und ihre Individualität auszulöschen.

Ray Kurzweil[1] hatte zur Jahrtausendwende über die Zwecklosigkeit des Widerstands gegen menschliche Gehirnimplantate geschrieben. Wie es heute selbstverständlich ist, eine Brille oder Prothese zu bekommen, wäre man in der Zukunft einfach nicht mehr konkurrenzfähig, würde man auf den implantierten Chip im Gehirn mit dem Fremdsprachen- und Mathematikmodul verzichten.

Recht wird er haben. Die Zahl der über 80-jährigen, leicht gehbehinderten Menschen, welche von den Ärzten erfolgreich zu einem Hüftimplantat überredet werden, um wieder konkurrenzfähig zu sein, steigt stündlich. Nach wenigen Wochen verlassen dann die erfolgreich Operierten das Krankenhaus meist tot oder schwerstbehindert.

Wir wollen auch nicht vergessen, dass erst vor Kurzem die Strafandrohungen für Sterbehilfe in Deutschland verschärft wurden. Wo käme man denn hin, dürfte so ein freier Steuerzahler und Rundfunkgebührenverpflichteter sich einfach so mittels Knopf seiner eigenen Existenz berauben?

Die prosperierende Pflegemafia, welche hinter schmucken Fassaden, von der Öffentlichkeit unbemerkt, in der Zwischenzeit 10.000de alte Menschen mittels Beatmungsgeräten ihres natürlichen Todes beraubt, ist ausgezeichnet mit den politischen Gaunern vernetzt.

Um diese lebenserhaltenden Vorzüge zu genießen, sollten Sie, verehrte Leserinnen und Männer, natürlich nicht zu den Bewohnern eines Landstrichs gehören, der zurzeit mit Hilfe westlicher Drohnen demokratisiert wird. Putzt es da mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft samt Frauen und Kindern weit vor ihrer Pflegebedürftigkeit von der Bildfläche, tagt selbstverständlich keine Ethikkommission.

Sie erinnern sich? Der Knopf ist das Interface zwischen dem individuellen Willen und anderen, fremden Systemen. Endete in der Menschheitsgeschichte das Leben von Millionen Nichtkombattanten, weil sie Opfer irgendwelcher kriegerischen Auseinandersetzungen wurden, so ist zu vermuten, dass hier jemand anderes einen Kopf drückte. Da der Knopfdrücker an der entsprechenden Tötungsmaschine, wie erwähnt, sprachgesteuert ist, wird er sich auch keiner Schuld bewusst sein. Der Gesteuerte tut nämlich nur seine Pflicht. Er kann nicht anders und ist deshalb nach herrschendem Gerechtigkeitsgefühl schuldlos.

Es liegt also nahe, den Oberschwätzer, mangels Knopf, per Sprache steuern zu wollen. Ich empfahl wohl in einem anderen Artikel, der Kammerdiener möge ihm einfach den Schädel einschlagen, doch lassen wir diese Option fürs Erste außen vor.

Klar sollte sein, dass wer den obersten Flüsterer mittels Sprache zu steuern vermag, ihn bereits liquidiert hat. Nein, das ist jetzt mal keine Polemik, sondern Logik. Da jedoch eine solche Liquidation, im Gegensatz zu der Aktion des Kammerdieners, nicht publik wird, verschwimmt das eigentliche Ziel bis zur Unkenntlichkeit.

Diese Unschärfe kann recht angenehm sein, denn manche Repräsentantinnen und Repräsentanten diverser Staaten sind unter ästhetischen Gesichtspunkten derart abscheulich, dass man auf die Idee kommen könnte, das wäre so gewollt. Natürlich ist ein großer Teil der jeweiligen Verunstaltungen auf den fortgesetzten Missbrauch von Alkohol zurückzuführen - der sich bei Frauen besonders negativ auswirkt – doch es gibt heutzutage hervorragende Maskenbildner. Warum also belästigt man die Menschen mit diesen Schreckgestalten? Übrigens: Schlägt man Kakerlaken den Kopf ab, dann sterben diese nicht sofort – sie verhungern.

Wie dem auch sei, ein echter oberster Flüsterer ist kritikimmunisiert, selbstgefällig, allwissend und wird einzig von seinen eigenen Wahnvorstellungen getrieben. Auf ihn einzureden, ihn überzeugen zu wollen, ist sinnlos. Natürlich hat er Ohren, doch damit registriert er lediglich die stehenden Ovationen seiner »unschuldigen« Anhänger und potentiellen Knopfdrücker.

Aus anarchistischer Sicht ist bereits das unschuldige Anhängen ein verwerfliches Handlungsmuster, weil sich genau damit Herrschaftssysteme ernähren, wie der Bandwurm im Gedärm und Gehirn seines Wirts.

Geht man in der Zeit zurück, anstatt nach vorn, wird die Rolle der Technik vollkommen nebensächlich. So zeigte sich der Demokratismus der Weimarer Republik als System des Unfriedens und der Zwietracht. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil der politische Wettbewerb schon damals jeden rechtschaffenen Mitbewerber ausspuckte wie ein Affe den Kirschkern.

Diesbezüglich hat sich trotz großer technischer Fortschritte bis heute nichts geändert.

Als der Politiker Adolf Hitler in einer Wahlkampfrede 1932 versprach, die 30 Parteien aus Deutschland hinwegzufegen, sagte er auch: »Und wir wollen nicht sein eine Vertretung eines Berufs, einer Klasse, eines Standes, einer Konfession oder eines Landes, sondern wir wollen den Deutschen so weit erziehen, dass vor allem alle begreifen müssen, dass es kein Leben gibt ohne Recht und dass es kein Recht gibt ohne Macht und dass es keine Macht gibt ohne Kraft und dass jede Kraft im eigenen Volk sitzen muss.«

Es ist dann auch kein Zufall, dass heute mit der Renaissance des Sozialfaschismus, der sich nicht mehr national, sondern europäisch kleidet, fast alle Parteien »Volksparteien« sein wollen, obwohl sie, gemessen an der Gesamtbevölkerung, oft keine 10 Prozent der Stimmen haben. Es ist kein Zufall, dass Politiker von »Alternativlosigkeit« und von »Das Wir gewinnt« sprechen. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass alle gezwungen werden, den sich bombastisch aufblähenden Staatsrundfunk zu finanzieren.

Das im März 1933 verabschiedete, oft erwähnte Ermächtigungsgesetz stand im Widerspruch zur damaligen Verfassung, war aber seit 1914 ein Ermächtigungsgesetz von vielen und wurde zur parlamentarischen Gewohnheit, die von der Staatsrechtslehre akzeptiert wurde. Es sind dann auch keine Fälle bekannt, wo so ein juristischer Besser- und Alleswisser sich nach dem Krieg für seine Irrungen entschuldigt hätte.

Und so wurde einer der großen Sprachsteuerer der Geschichte zum »größten Feldherr aller Zeiten«. Zumindest nach der Auffassung von General Wilhelm Keitel im Jahre 1940.

Ende 1942 dämmerte es einem Großteil der deutschen Generalität, dass der große Feldherr wohl ein ausgemachter Idiot ist. Dieses Dämmern behielten sie selbstverständlich für sich, sie wollten ja ihren Job nicht verlieren. So ist das mit den Bandwürmern: ist man erst einmal ausgeschissen, ist bald Schluss mit dem lustigen Tragen von »Verantwortung« auf Kosten Dritter.

Die Presse wurde damals angewiesen, den Titel »Oberster Befehlshaber der Wehrmacht« nicht mehr zu erwähnen. Was blieb war also ein Führer, der darauf vertraute, dass seine Kammerdiener ihn nicht meucheln würden und der übrige knopflose Rest, der auf die Sprachbefehle ansprach. Funktionierte einwandfrei!

Nein, der Reichskanzler Adolf Hitler war nicht umgeben von irgendwelchem einfältigen Nazipack. So ein General kam in den meisten Fällen aus gutem Hause und auch die übrigen Beamten, Staatssekretäre und Minister waren oftmals akademisch gebildet.

Während man 1940 noch die großen Generalstabskarten von der Atlantikküste bis zum Ural, vom Nordkap bis nach Afrika, studierte, saß man 1945 in Berlin im Bunker und beugte sich über den Berliner Stadtplan. Dabei wurde gerätselt, ob die Front noch drei oder nur noch zwei Querstraßen entfernt ist. Keine Satire!

Das führte dazu, dass der Oberschwätzer des deutschen Volkes ankündigte, sich selbst abzuschalten. Davor wollte er lediglich noch seinen Schwager erschießen, zwei Testamente diktieren und heiraten.

Als das erledigt war, vergiftete der Tierfreund seinen Hund, lockerte das Rauchverbot in seiner Umgebung und erschoss sich gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Befehlsempfänger. Die Ordnung war damit jedoch keinesfalls obsolet. Sie war ja nicht von Hitler erfunden worden, sondern Wesensmerkmal des moralischen Morastes, auf dem Hitler erst gedeihen konnte und seine Nachfolger wieder gedeihen werden.

Als nun im Mai 1949 die Alliierten der drei westlichen Besatzungszonen dem Parlamentarischen Rat das Grundgesetz flüsterten, war die Grundentscheidung über die Form der politischen Existenz des Landes getroffen, die sich von der Verfassung des Deutschen Reiches 1919 nur graduell unterschied. Natürlich war die NSDAP verboten. Aber da wollte ja von den damaligen politischen Halunken sowieso keiner mehr dazugehören.

Dass der letzte Reichskanzler aus einer solchen Verfassung heraus zum »größte Feldherr aller Zeiten« und zum Massenmörder mutierten konnte, ist beinahe nebensächlich, bedenkt man, dass ehemals große Teile des Volkes voll Hoffnung auf das Hakenkreuz schauten, weil sie meinten, dies wäre das Zeichen für Brot und Freiheit und Reibekuchen mit Apfelkompott, oder so ähnlich.

Die jeweiligen Siegermächte diktierten 1949 die Grundsätze und Rahmenbedingungen der neuen Verfassung, welche dann von Vertretern der Länderparlamente ausgefüllt wurden. Auch eine frei gewählte verfassungsgebende Versammlung wäre zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Und wenn doch, dann hätten die Siegermächte entsprechend interveniert. (Für die sowjetisch besetzte Zone gelten diese Feststellungen analog.)

Hätten zum Beispiel die Engländer und Amerikaner anlässlich der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz (1948) nicht auf eine Staatsgründung bestanden, sondern auf die Zurverfügungstellung von drei Gebäuden pro deutschem Landkreis für ihre Militärgouverneure, so hätte es überhaupt keinen parlamentarischen Rat gegeben. Widerstand wäre zwecklos gewesen.

Die diktierte Verfassung legte nicht nur ihre eigenen Organe dogmatisch fest und verkündete deren formale Trennung, sondern stellte zugleich jeden Widerstand gegen das Diktat unter Strafe. Das war und ist auch notwendig, da die Behauptung, das deutsche Volk (wer immer das 1949 gewesen sein mag) hätte sich diese Verfassung gegeben, mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Und deshalb ist es auch notwendig, die Verfassungsgrundsätze mit Hilfe der Polizei und dem Staatsschutz zu verteidigen. Wogegen zum Beispiel Mathematiker nicht die Polizei rufen müssen, um ihre Behauptungen zu schützen.

Um den Fortbestand dieser Konstruktion zu sichern, beruft man sich auf die Konstruktion selbst. Am deutlichsten wird diese Selbstreferenzialität durch die Tatsache, dass genau die Personengruppe (Clique), welche durch die Verfassung in ihrer Machtfülle idealtypisch begrenzt werden soll, das verfassungsgemäße Recht hat, die Verfassung nahezu beliebig zu ändern bzw. durch nachgesetzliche Regelungen zu verwässern.

Denn die vielgepriesene Gewaltenteilung kommt eben über ihren Verkündungscharakter nicht hinaus. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Gewaltenteilung als Mittel gegen die absolutistische Macht der Fürsten und Könige vorgeschlagen. Wenn die Interessen eines Monarchen den Interessen der Bürger antagonistisch gegenüberstehen, ist es vorteilhaft, wenn ein Parlament, welches die Bürger repräsentiert und entsprechende Befugnisse besitzt, die Machtvollkommenheit des Monarchen einschränken kann.

In der Form aber, welche das Grundgesetz vorschreibt, wird nicht die Gewalt, sondern lediglich die Kompetenzen innerhalb der Herrscherclique verteilt. Ist auch nicht so wichtig, da das Parlament auch nicht die Bürger des Landes vertritt, sondern selbst von irgendwelchen Gaunern beherrscht wird, die angeblich nur ihrem Gewissen verpflichtet sind anstatt der Wahrheit.

Den Imponderabilien zwischenmenschlicher Interaktion, der Mühsal der Kooperation, stehen die Ponderabilien der Technik gegenüber. Alles besteht aus kleinen Teilchen, ist deshalb wäg- und berechenbar. Mit Knöpfen diskutiert man nicht, man drückt sie.

Analog besteht Volk ebenfalls aus unbedeutenden, unbekannten Menschen, die mühsam ihren Alltag bewältigen, denkfaul und in hohem Maße manipulierbar sind. Sie sind damit statistisch wäg- und berechenbar. Und da diskutiert man nicht, man drückt (manipuliert) sie.

Man erspare mir den Applaus von allen möglichen Seiten, denn eine wie auch immer stattfindende Diskussion im politischen Raum zielt lediglich darauf ab, die vermeintlichen Diskutanten als Reflexionsfläche der eigenen Herrschaftsansprüche zu missbrauchen. Von einer Untersuchung im eigentlichen Sinne des Wortes (lat. discussio = Untersuchung, Prüfung) kann keine Rede sein.

Es geht in derartigen Diskussionen nicht darum, Aussagen zu treffen, welche auf das Einverständnis des Gegenübers abzielen, also Argumente herausarbeiten, die in einem rationalen Sinne mit der Wirklichkeit referieren, sondern um die parasitäre Nutzung des Mittels Kommunikation zur Durchsetzung egozentrischer Nutzenkalküle.

Es ist ein Trugschluss mancher Anarchisten, dass das politisch-liberale Gesindel eher zur Freiheit tendiere als andere politische Gruppen. Jedes Wortgefecht ist symptomatisch für den zivilisatorisch verbrämten Herrschaftsanspruch einzelner Gruppen gegen den jeweiligen Rest.

Dabei sind die Urteile bereits gefällt, der Knopf ist gedrückt, jede nachgelagerte Schwätzerei irrelevant. Die Machthaber sitzen im Demokratismus moderner Prägung nicht mehr an der Spitze der jeweiligen Pyramide, wie dies bei Adolf Hitler der Fall war. Der Demokratismus hat die ihm immanente strukturierte Verantwortungslosigkeit, welche aus der Perspektive der Beherrschten als Komplexität erscheint, den Leuten plausibel gemacht.

Der unterwürfige Mensch fühlt sich als zivilisierter Staatsbürger, welcher seine Unzufriedenheit mit den politischen Entscheidungen nicht mit dem Einschlagen von Fensterscheiben beantwortet, sondern Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsprozesse führt. Er will, frei nach Niklas Luhmann, nicht Mob, sondern Wähler sein.

Und während Goethes Zauberlehrling ein bescheidenes Ziel mit einem überschaubaren Mittel verfolgte:

»Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!«,

entscheidet sich der Wähler zwischen Krieg und Frieden, Rückschritt und Fortschritt, Chaos und Sicherheit, Armut und Wohlstand.

Sie, ja Sie, liebe Leserinnen und Männer, können das alles entscheiden. Ganz ohne Zauberspruch mit einem simplen Kreuz in einer Wahlkabine. Glauben Sie das?

Sorry! Aber überall sonst im täglichen Leben würde man eine derartige Vorstellung als behandlungsbedürftige Wahnvorstellung kategorisieren. Dabei bedarf es keiner besonderen Intellektualität, auch keines besonderen Erinnerungsvermögens, um durch bloße Beobachtung feststellen zu können, dass über die Dekaden des vergangen und des jetzigen Jahrhunderts, unabhängig unterschiedlichster politischer Bekundungen und Versprechen, grundsätzlich die gleiche Politik der Ausbeutung, Bevormundung, Entrechtung, letztendlich der totalen Entmündigung exekutiert wurde und wird.

Politische Wahlen sind keine Richtungsentscheidungen für das zukünftige gesellschaftliche Leben, sondern öffentlich inszenierte Demütigungen derjenigen, welche der Illusion anhängen, durch ihre Stimmabgabe den Herrschaftsapparat in ihrem Sinne beeinflussen zu können.

Mein Mitleid hält sich diesbezüglich in engen Grenzen, denn der Kampf um Stimmenmehrheit ist der Kampf um eine ethisch defekte Legitimation ungerechtfertigter Herrschaft über andere.

Wo der jeweilige Bürger ansetzt, die politische Landschaft in seinem Sinne verändern zu wollen, ihr etwas zu flüstern, trifft er auf ein kritikimmunisiertes, selbstgefälliges, allwissendes System der strukturierten Verantwortungslosigkeit, welches sich selbstreferentiell auf die von ihm propagierte Wahnvorstellungen beruft, die Macht ginge vom Volke aus, ohne selbst jemals den Versuch zu unternehmen, dieses vielgerühmte Volk in die Entscheidungen mit einzubinden.

Manche wollen das ändern. Bei der Einbindung des Volkes in die Entscheidungen des Herrschaftsapparats ist Meinung gefragt: Ihre, meine, jede, keine.

Bereits der Kinderfunk fordert Meinung von den Kleinen. Traffic entsteht im Internet über die Bereitstellung von Kommentarfunktionen auf der Website. Der nicht gelesene Artikel wird dann unten sofort kommentiert.

Besonders die »freie Meinung« erlangte mit den sozialen Netzwerken ein ungeheures Ausmaß an Attraktivität. Was sollte eine Meinung aber anderes sein als frei? Nämlich frei von subjektiver als auch objektiver Begründung, frei von Wissen, frei von Fakten, frei von jeder Konsistenz und selbstverständlich frei von Verantwortung.

Wenn also online die Meinungsäußerungen nur so toben, dann nutzt das mehr als früher, als die »eigene Meinung« am hölzernen Stammtisch und zu später Nacht vor der Wirtshaustür mit besoffenem Schädel bei einer Schlägerei durchgesetzt/verkündet wurde. Die Parteien, die Geheimdienste, die Polizei und diverse Unternehmen sind sehr daran interessiert die Massen zu erforschen, damit man die Fragen ausarbeiten kann, welche auf die gewünschten Antworten passen.

Nichts könnte den heraufziehenden Sozialfaschismus mehr beflügeln als eine Beteiligung des Volkes. Wie sagt doch der typische Vergewaltiger zu seinem Opfer? »Aber du willst es doch auch.«

Hören Sie, liebe Leserinnen und Männer, die Verlockungen der Technik? Warum sollte nur der Dünndarm der Oma online sein? Alle werden online sein. Das ganze freie Volk ist weltweit im freien Netz untereinander verbunden. Endlich bestimmt das im Netz vereinte Gedärm sein Schicksal selbst.

Sollen die UN-Streitkräfte die Rebellen niederschlagen? Wollen Sie, dass das Wirtschaftsministerium das Außenhandelsdefizit reduziert? Sollte man dieses Kunstwerk als entartet aus dem Museum entfernen? Ja, bestimmt. Kann sein. Ich weiß nicht. Vielleicht. Nein. Sicher nicht. Soll Dieben die Hand abgehackt werden? Ist Tabakrauch schädlicher als Giftgas? Ja, bestimmt. Kann sein. Ich weiß nicht. Vielleicht. Nein. Sicher nicht.

Mit der neuen „Demokratie-App“ können die Bürger abstimmen. Im Auto, im Bad, im Bett, beim Friseur, auf dem Golfplatz ...

Das ist die andere Seite des Demokratismus, die bereits am Horizont der Willkür heraufdämmert und sich mit jedem Versuch, den Herrschaftsapparat steuern zu wollen, bestätigt. Denn ob man versucht, als General dem »größten Feldherr aller Zeiten« zur Seite zu stehen, oder man versucht mit einem Klick dem Herrschaftsapparat zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, ist im Grunde einerlei. Jeder flüstert so gut er kann.

Doch warum sollte das Volk in meine Integrität eingreifen dürfen, wo ich es ablehne, dass es die politischen Machthaber tun? Volk ist weder gebildeter, weiser, aufgeklärter oder weniger korrupt, als es Parlamentarier allerlei Geschlechts sind.

Merken Sie, liebe Leserinnen und Männer, wie das Fixierbild »Volksabstimmung« wackelt? Sind Sie für eine Volksabstimmung, sehen Sie sich insgeheim auf der Seite der Gewinner. Und damit meinen Sie implizit, dass Sie das Recht besäßen, mit dem Heben Ihrer faulen Hand die Überstimmten zu etwas zu zwingen, welche diese aus freien Stücken so nicht gewählt hätten. Ein solches Verhalten ist jedoch ethisch nur dann widerspruchsfrei zu rechtfertigen, wenn alle zuvor diesem Abstimmungsprocedere zugestimmt haben.

Sie erinnern sich? Den Oberflüsterer mittels Sprache steuern zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen. Das gilt besonders dann, wenn das eigentliche Ziel bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Wenn Massen bestimmen, verschwimmen die Ansprechpartner ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit. Staatlich gewährte Volksabstimmungsrituale sind genauso abzulehnen, wie jede Form von politischen Wahlen.

Der Kampf um die rechte Ordnung, wie Otto Suhr Politik definierte, ist a priori der Abgrund des Hässlichen, der Niedertracht und des Grauens.

Denn stets wird sich die Frage stellen, wer denn entscheidet, was die »rechte Ordnung« ist. Und ist es ein Kampf um eben diese rechte Ordnung, so gewinnt diesen Kampf in der Regel der Stärkere. Folglich können wir diese rechte Ordnung mit der Ordnung des Stärkeren gleichsetzen.

Am 19. Dezember 2016 gab es einen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Dabei starben elf Besucher des Weihnachtsmarktes und 55 wurden verletzt. Der Attentäter, ein 24-jähriger Tunesier, hatte den Anschlag sorgfältig geplant und vorbereitet. Er hatte zuvor einen Sattelzug geraubt, indem er den Fahrer erschoss. Neben der Leiche des erschossenen Lkw-Fahrers sitzend, schickte der Attentäter an seine islamischen Glaubensbrüder in Berlin und im Ruhrgebiet einen Selfie mit dem Text: »Mein Bruder, alles in Ordnung, so Gott will. Ich bin jetzt im Auto, bete für mich mein Bruder, bete für mich.«

Es gibt auch ein Zitat eines deutschen Attentäters: »Der Gedanke des Führertums [...] verbunden mit dem einer Volksgemeinschaft, der Grundsatz,  ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz‘ und der Kampf gegen die Korruption, der Kampf gegen den Geist der Großstädte, der Rassengedanke und der Wille zu einer neuen deutschbestimmten Rechtsordnung erscheinen uns gesund und zukunftsträchtig.«[2]

Aus dem von der Deutschen Wehrmacht 1939 besetzen Polen schrieb dieser Attentäter über die Polen: »Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.«[3]

Der zuletzt zweimal zitierte Herr war Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er verübte am 20. Juli 1944 dann ein Attentat auf Adolf Hitler - also seinen Oberbefehlshaber - in dessen Folge vier Personen getötet und weitere neun schwer verletzt wurden. Nur Hitler selbst hatte lediglich Schnittwunden und Prellungen davongetragen, da Herrn Stauffenbergs Kenntnisse über Sprengstoff mangelhaft waren.

Der gleiche Mann, der 1939 wusste, dass sich die polnische Bevölkerung (dieser Pöbel) unter der deutschen Knute wohlfühlt, wusste dann fast fünf Jahre später, dass es jetzt galt, den eigenen Oberbefehlshaber in die Luft zu sprengen. Was war denn nun die rechte Ordnung?

»Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!« (Günter Eich)

Nein, ich habe keine Einwände gegen die Tötung von Befehlshabern. Hat man jeden Befehlshaber, der einem im Wege steht, liquidiert, erledigt sich das Problem mit dem Oberbefehlshaber wie von selbst. Stauffenberg und Konsorten sind also weit früher tot als sie die Chance hätten, ihren grundlegenden Irrtum zu erkennen. Nur hatte sich Stauffenberg Hitler ja ehemals freiwillig untergeordnet. Ich rede hier aber von der Notwehr derjenigen, welche zwangsweise rekrutiert wurden und werden. Ein großer Unterschied.

Der oben erwähnte Tunesier wollte, anders als es Stauffenberg mit Deutschland und Polen vor hatte, nicht den Berliner Weihnachtsmarkt neu ordnen, sondern fühlte sich berufen, hier gegen die Feinde seiner Freunde, Brüder oder was weiß ich zu kämpfen. Warum dieser junge Mann nicht mit einer Panzerdivision nach Berlin rollte, wie Herr Stauffenberg nach Polen, war lediglich eine Frage seiner Mittel und Möglichkeiten.

Es wussten und wissen also stets irgendwelche Figuren, welche mit Ihnen, liebe Leserinnen und Männer, oder mit mir, in keiner Beziehung stehen, welche Ordnung die rechte ist, für die zu kämpfen es sich lohne.

Dieser Kampf putzt dann mal 150.000 Menschen beim Polenfeldzug ins Jenseits (als Anfang eines Millionenfachen Schlachtens) und dann 11 Besucher eines Weihnachtsmarktes in Fortsetzung einer kriegerischen Auseinandersetzung um Land und Religion versus den Hegemonieanspruch der westlichen Welt, ihren Ordnungsvorstellungen, ihrer militärischen Übermacht und den Drohnen im Namen der Freiheit.

Ob ich als 24-Jähriger einem islamischen Mufti glauben schenke und bereit bin, dafür andere Menschen umzubringen, oder als musisch veranlagter 30-Jähriger, der seine Kindheit auf dem Sommersitz der Familie verbrachte, den »Gedanken des Führertums« als »gesund und zukunftsträchtig« empfinde, ist im Grundsatz nicht unterscheidbar.

Und da man heute dem Attentäter des 20. Juli 1944 gedenkt, stellt sich die Frage, wie die zum Kriegsdienst eingezogenen Millionen Soldaten hätten erkennen können, dass sie in die falsche Richtung schießen. Es starben allein im 2. Weltkrieg über fünf Millionen deutsche Soldaten. Wie viele Soldaten wären gestorben, hätte nur jeder zehnte Rekrut seinen direkten Vorgesetzen erschossen?

Ich weiß, das sind ganz üble Ideen, weshalb auch die Deserteure aus der Zeit des Nationalsozialismus erst 2002 voll rehabilitiert wurden. Kommt nämlich der von den Machthabern entrechtete, versklavte Hinz und Kunz auf die Idee, dass er nicht bereit ist für die ihm befohlene Ordnung sich und andere verheizen zu lassen, gerät die mühsam aufgebaute Herrschaftsstruktur in Gefahr, würde so etwas Schule machen.

Im 3. Reich wäre ich übrigens für die Veröffentlichung dieses Artikels mit großer Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt worden. Wohlgemerkt! Nicht der Richter hätte mich vor Wut erwürgt, sondern der vom Staat ausgebildete und bezahlte Richter hätte in ein vom Staat verkündetes Gesetz geschaut, meine Schuld festgestellt und dann Urteil und Strafmaß verkündet. Und das machen Richter bis heute in »freier, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung« (§ 261 StPO).

Bin ich also morgen auf Grund eines falsch formulierten Satzes dran, so ist der Grundsatz der gleiche geblieben, während sich lediglich der Grad (also die Höhe der Bestrafung) abschwächte.

Viele Menschen begrüßten und begrüßen dieses Verfahren, weil sie nicht erkennen, dass hier ein Recht des Stärkeren exekutiert wird, das stets politische Propaganda ist und nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Mit dem Recht des Stärkeren wurde bereits 1914, 1933, 1939, 1949 und bis heute Widerstand gegen den Staat gebrochen. Wo kämen wir denn hin, dürfte ein Richter den Angeklagten selbst erwürgen? Ich weiß es nicht. Wo man hinkommt, gibt man die Justiz in die Zuständigkeit eines omnipotenten Gewaltmonopolisten, hat die Geschichte gezeigt.

Egal in welcher Zeit und in welchem Staat, stets werden derartige Richter der »rechten Ordnung«, somit der Ordnung des Stärkeren, genüge tun wollen. Denn sie stellen Gerechtigkeitslücken zwischen dem Angeklagten und dem staatlichen Ordnungsgeber fest.[4] Das kommt einer Versündigung gegen den Mondschein gleich: »Der Angeklagte hat dem Mondschein ignoriert und wird deshalb in den Kerker geworfen.«

Gerechtigkeitslücken können jedoch nur zwischen Personen entstehen. Der eine schädigt den anderen, lädt somit Schuld auf sich und muss die so entstandene Gerechtigkeitslücke wieder schließen. Schädigt jemand sich selbst, kann keine Gerechtigkeitslücke entstehen. Wird jemand vom Staat gezwungen, Militärdienst zu leisten oder Steuern zu bezahlen, so ist der Staat derjenige, der Unrecht schafft und nicht seine Opfer. Doch letztere stehen dann vor den obigen Richtern und kriechen zu Kreuze.

In freier, aus dem Inbegriff der Erziehung, der Religion und anderen Einflüssen geschöpften Überzeugung, kommt also der eine dazu, es als gesund zu betrachten, versklavt man andere Völker (50 Millionen Tote), und der andere betrachtet es als heilige Pflicht, wahllos irgendwelche »Ungläubigen« zu töten.

Der Abgleich der unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen erübrigt sich, fragt man einmal, welcher Krieg in den letzten 70 Jahren (Vietnam ca. 3,5 Millionen Tote, Afghanistan, Irak ca. 500.000 tote Zivilisten) durch demokratische, parlamentarische Prozesse verhindert wurde. Keiner, da die Parteienclique, welche die Regierung nach den Regeln des Demokratismus eigentlich im Namen des Volkes kontrollieren sollte, die Regierung stellt und trägt, und vom Regieren profitiert.

Es gibt nur eine Ordnung, welche widerspruchslos von allen Menschen anerkannt wird, und die ist weder richtig noch falsch, sie ist eben nur. Es ist die Ordnung, welche temporär entsteht, entscheiden sich Personen freiwillig für eine Kooperation.

Das ist die Definition von Anarchismus, wie ich ihn verstehe. Es ist kein politisches Konzept. Es ist auch, meine lieben Freunde, keine Anleitung für eine Privatrechtsgesellschaft.

Es gibt keine Chance, das Volk aufzuklären. Den Leuten irgendetwas von Freiheit zu erzählen oder sich irgendwelche Buttons ans Revers zu heften. Total lächerlich ist es, irgendeine marktwirtschaftliche Logik den Leuten begreiflich machen zu wollen. Denn damit sagt man wiederum nur, dass man die »rechte Ordnung« kenne und reiht sich ein in die Schar der potentiellen Attentäter, welche kaum für sich selbst sorgen können, aber die ganze Welt retten wollen.

Wenn Sie, liebe Freunde, diesen oder andere Besinnungsaufsätze von mir lesen, sollte bei Ihnen nicht der Eindruck entstehen, dass ich politische Veränderungen anstrebe. Das wäre ein Trugschluss. Gesellschaftspoltische Veränderungen kommen, ob ich dazu beitrage oder nicht. Nur werden diese Veränderungen nicht zu mehr Selbstbestimmung führen, sondern zu diffizileren Maßnahmen der Nötigung. Diesen Zustand bezeichne ich oben als Sozialfaschismus.

Nicht weil die Politiker allesamt böse Menschen sind, sondern weil für die meisten Menschen Selbstbestimmung und Frieden per se keine Werte darstellen.

Von den hegelschen Zuchtvorstellungen, wie die jungen Menschen zu dressieren sind, kann ein Herrschaftssystem nicht ablassen. Wenn morgen der Schüler reglementiert werden kann, weil er zu spät zum Unterricht kommt, prägt dies den Zwangsverpflichteten mehr als der Inhalt des Unterrichts. Aber wer erst einmal die Dressur eines Jurastudiums überstanden hat, empfindet sich als Teil des Systems und ist von seiner zum Dogma erklärten Widersprüchlichkeit überzeugt.

Der »autotherapeutischen Akt der Empörung«, verstanden als das »Herausarbeiten Meiner aus dem Bestehenden«, wie Max Stirner hoffte, kann nur individuell erfolgen. Er ist kein Gesellschaftskonzept, weil jeder Gesellschaft die Gewalt immanent ist.

Zurück in die Zukunft. In den entsprechenden Seifenopern der zukünftigen Jahrhunderte wird dann auch um das Leben, die Freiheit und die Unantastbarkeit der Kulturen, Meinungen und Irrungen gekämpft, als wäre der »Captain« des Raumschiffes im Nebenberuf noch oberster Verfassungsschützer. Die Welt ist einfach schön und gut.

Einige dieser Folgen greifen interessante philosophische Fragen auf, andere Folgen sind einfach des Teufels.

So geht es in einer Folge um die Beförderung von Fähnrichen zum Leutnant. Unter den jungen Leuten gibt es große Aufregungen, wirre Spekulationen und die üblichen Befürchtungen, welcher der Führungsoffiziere nun den einen mehr und den anderen weniger leiden kann. Jedes Subordinationssystem erhält sich durch den Ehrgeiz der Befehlsempfänger.

Unvermittelt streift dann der »Captain« einen solchen Fähnrich (ein junges Mädchen) und befiehlt ihr mitzukommen. Wichtigtuerisch, gewaltig platziert sich der Mann hinter seinen Schreibtisch, um diese junge Frau nach allen Regeln herunterzuputzen - nicht wegen einer aktuellen Verfehlung, sondern wegen eines Umstandes, der schon längst bekannt und geahndet war. Die ehemalige Verfehlung zeige, dass es ihr an Charakter fehle.

Schnitt!

Irgendwann wird nun dieses Mädchen zu einer Einsatzbesprechung gebeten. Sie hätte, unter Einsatz ihres Lebens, einen Agenten hinter die Linie des Feindes zu bringen. »Ich kann Ihnen das nicht befehlen«, sagt der vormalige Anscheißer scheinheilig. Und die Untergebene antwortet: »Ich melde mich freiwillig, Sir«.

Die junge Frau stirbt bei dieser Operation dann auch freiwillig sang und klanglos. Und der Film endet mit der Durchsage des Oberschwätzers, dass Fähnrich soundso in Erfüllung ihrer Pflicht ums Leben gekommen sei.

Die hier vom Drehbuchschreiber vermittelte Botschaft ist klar: »Die Grammatik der Gewaltherrschaft ist die universelle Konstante über alle Zukunft hinweg«.

»Bevor du anfängst, die Welt zu verändern«, so ein chinesisches Sprichwort, »gehe dreimal durch dein eigenes Haus!«.

 

 

 

 

 

 



[1] »The Age of Spirtual Machines«, 1999

[2] von Stauffenberg, Claus Schenk; nach Steven Krolak: »Der Weg zum Neuen Reich. Die politischen Vorstellungen von Claus Stauffenberg. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des deutschen Widerstandes.« In: Jürgen Schmädeke, Peter Steinbach (Hrsg.): Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler. Piper, München 1986, S. 550.

[3] von Stauffenberg, Claus Schenk; nach Heinrich August Winkler: »Der lange Weg nach Westen.« Band 2: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung. München 2000, S. 103.

[4] Die Meinung, dass zwischen Staat und Recht ein diametraler Gegensatz bestünde, entspringt dem romantischen Glauben, dass das eine das notwendig Gute und das andere das notwendig Böse sei. Doch beides hat historisch und moralisch den selben Ursprung, nämlich Herrschaft. Der freie Mensch braucht den Staat nicht. Der freie Mensch braucht auch kein Recht, wie immer es sich definieren will. Denn der freie Mensch handelt mit anderen freien Menschen. Tritt dabei ein Widerspruch auf, ist er auch offenbar und lässt sich mit etwas Geschick und Abstand beseitigen. Wer braucht da irgend einen ungerufenen Dritten, der von Selbstjustiz und dergleichen fabuliert? Das war die Idee der unfreien Menschen.

Der unfreie Mensch braucht RECHT, braucht Richter, braucht Moralapostel, braucht Instanzen, braucht Prüfungsbehörden, braucht Polizei und am logischen Ende ist das ein Staat, der vorgibt, dass der Mensch nur mit seinem RECHT einigermaßen frei wäre. Der Begriff 'Rechtsstaat' war nie ein Oxymoron. Auch den Schülern muss mehrmals eingebläut werden, dass Minus mal Minus wieder Plus ergibt. Der Widerspruch sitzt allein im unfreien Kopf, der sich blödsinnige Konzepte für seine verkrüppelte Zombie-Welt zurecht legt und solange aufrecht erhält, bis man den Schädel zertrümmert hat. (Norbert Lennartz)



Erstellt am 28.12.2017, zuletzt aktualisiert 08.01.18.  Alle Rechte beim Autor.
 
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