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Kurt Kowalsky – X: @KurtKowalsky |
Die Ideologie des an die Wand genagelten Puddings |
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Warum Hinz und Kunz immer die Richtigen wählen wollen - aber das Falsche wollen. |
AbstractDas Essay untersucht unter Bezug auf Max Stirners Konzept der „fixen Ideen“, warum Menschen Vorstellungen als selbstverständlich voraussetzen, deren Grundlagen sie niemals einer Wirklichkeitsprüfung unterzogen haben. Ausgehend von der biblischen Behauptung, Maria sei vom Heiligen Geist schwanger geworden, fragt der Autor, warum bestimmte Glaubenssätze als absurd erkannt werden, während Begriffe wie „Volk“, „Demokratie“, „Wahl“ oder „Mehrheit“ Prämissen transportieren, die kaum noch wahrgenommen und deshalb auch nicht hinterfragt werden. Am Beispiel des Demokratismus wird diese fixe Idee bis zu ihrer grundlegenden Prämisse verfolgt: Menschen halten es für legitim, das Verhalten anderer Menschen nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten und nötigenfalls mit Gewalt durchzusetzen. Der Herrschaftsapparat reproduziert sich, weil diese Vorstellung nicht nur von den Herrschenden, sondern auch von den Beherrschten geteilt wird. Hinz und Kunz empören sich über die jeweils Herrschenden, wollen den Herrschaftsapparat aber nicht loswerden, sondern ihn für ihre eigenen Vorstellungen nutzbar machen. Politische Parteien, Wahlen und neue „Erlöserfiguren“ ändern daran nichts. Scheitert der Versuch, wird nicht die zugrunde liegende Prämisse überprüft, sondern nach besseren Parteien, geeigneteren Mehrheiten und den „endlich Richtigen“ gesucht. So wiederholt sich derselbe Vorgang mit wechselnden Akteuren und Zielen. Die Metapher des an die Wand genagelten Puddings bezeichnet damit nicht lediglich die Unmöglichkeit politischer Veränderung. Sie steht für den Versuch, ein Problem innerhalb derselben ungeprüften Voraussetzungen lösen zu wollen, aus denen es immer wieder neu entsteht. Politisches Palaver kann andere Menschen überzeugen, Mehrheiten verändern und neue Personen an die Spitze bringen; auf die grundlegende Struktur des Herrschaftsapparats wirkt es gerade deshalb nicht, weil seine Teilnehmer dessen zentrale Prämisse selbst teilen. Der Mensch läuft so Gefahr, sich mit immer neuen Gesellschaftsklempnern in immer neue Katastrophen hineinzumanövrieren - überzeugt davon, diesmal nur endlich den Richtigen gefunden zu haben. Die Ideologie des an die Wand genagelten Puddings„Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist." (Matthäus 1, 18-20) Sorry, liebe Leser, ich bin katholisch erzogen worden und verzeihe es mir nur schwer, dem Religionslehrer nicht vor über 60 Jahren die Frage gestellt zu haben, was er denn seiner 16-jährigen Tochter antworten würde, hätte sie schon einige Zeit die Schule vernachlässigt, käme jetzt nach Hause und sagte: „Paps, ich bin schwanger. Was ich empfangen habe, ist vom Heiligen Geist. Ich soll dem Kind den Namen Pudding geben.“ Wer diese Analogie als Lästerung abtut, müsste allerdings erklären, woher er weiß, was Gott zuzutrauen ist und was nicht. Paulus schrieb schließlich in seinem Römerbrief: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ (Römer 11,33) Vielleicht kennen Sie Max Stirner. In seinem Buch Der Einzige und sein Eigentum schreibt er, seine Großmutter habe einen Geist gesehen. Stirner selbst nicht. Ich nicht. Sie vermutlich auch nicht. Über solche Geschichten lächelt der aufgeklärte Mensch. Stirner meinte jedoch, dass wir die Geister keineswegs beseitigt haben. Wir haben sie nur in unsere Köpfe verlegt. Dort sitzen sie als „fixe Ideen“. Gott, Wahrheit, Moral, Staat oder Volk können zu Vorstellungen werden, die wir nicht mehr prüfen, sondern als gegeben voraussetzen. Man muss dafür weder dumm noch verrückt sein. Man kann außerordentlich klug über eine Sache nachdenken und dabei übersehen, dass man die Voraussetzung, von der das ganze kluge Denken ausgeht, niemals überprüft hat. Jetzt, wo es den Anschein hat, als würden die Repräsentanten des Herrschaftsapparats im trauten Einklang mit den aktivistischen freien Medien koordiniert lügen, ist man in einer Welt voller Fake News natürlich besonders auf die Wahrheit erpicht. Auf die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Besonders vor einer Wahl. War nur Spaß. Sie und ich, wir können nämlich nicht wählen. Wer in einem Kaufhaus steht, weil er einen Mantel kaufen möchte, wählt sich aus dem Angebot einen aus, der ihm gefällt. Die Gesellschafter eines Unternehmens wählen einen Geschäftsführer. Für den Sachverhalt, dass dem Kunden ein Mantel oder den Gesellschaftern ein Geschäftsführer aufgezwungen wird, hat die deutsche Sprache andere Bezeichnungen: Zwang, Nötigung, Fremdbestimmung. Wenn Ihnen, liebe Leser, das bisher nicht bewusst wurde, liegt es daran, dass schon eine Bezeichnung eine Prämisse enthalten kann, die Ihnen niemand als solche vorgestellt hat. Sie kam als blinder Passagier mit dem Satz bei Ihnen an. Volksvertreter sollen Bürger vertreten, welche man frei wählen dürfe. Das Ganze wird präsentiert wie eine Art Figurenlotterie: mal ein Blonder, mal ein Rothaariger, dann ein Glatzkopf – alle grinsen. Und dieser mir so präsentierte Typ vertritt dann nicht mich oder die Bürger des Wahlkreises (was schon schlimm genug wäre, denn die Entscheidung eines Vertreters wirkt für oder gegen mich), sondern das gesamte Volk. Dadurch verwässert sich die Angelegenheit ins Beliebige. Treffender wäre deshalb der Begriff „ausgeliefert“. Nehmen wir noch so einen blinden Passagier. Was man unter dem Begriff „Volk“ versteht, haben Sie sich vielleicht nie gefragt. Wenn „alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht“ (Art. 20 Abs. 2 Grundgesetz), wir aber nicht eindeutig bestimmt haben, was dieses Volk eigentlich ist, könnte die Staatsgewalt ebenso gut vom „Dings“ ausgehen. Kann ein Kollektivsubstantiv überhaupt Träger eines Willens sein? Ich denke, Sie glauben das. Sie glauben das, obwohl Ihre Lebenswelt, wie auch die meine, kaum mit der mentalen Konstruktion „Volk“ in Verbindung steht. Sie stehen morgens auf, gehen zur Arbeit, kaufen ein, fahren Auto, streiten mit Ihrem Nachbarn und bringen den Müll runter. Sie haben eine Familie, Freunde, Kollegen, Kunden und vielleicht einen Hund. Mit allen können Sie sich verständigen, streiten, einigen oder ihnen aus dem Weg gehen. Begegnet Ihnen jedoch das Volk, sollten Sie die Flucht ergreifen. Denn: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn; Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.“ Oder wie Goethe es ausdrückte: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Schwer zu erkennen, glaubt man sich als „Volker“ mit dem gesunden Menschenverstand in der Mehrheit. Nun, das alles ist Schwimmen im Abwasserkanal des Herrschaftsapparats. Nicht nur der Demokratismus, sondern nahezu jede Herrschaftsform ist bestrebt, die Legende ihrer Legitimation glaubhaft zu machen. Immer muss der Unmut der mit Gewalt beherrschten Massen moderiert werden. Dabei sollte die Gewalt möglichst unsichtbar bleiben. Nicht erst moderne Herrschaftsapparate rekrutieren ihre Schergen aus den beherrschten Massen selbst und verweben sich auf diese Weise mit ihnen. Das Ziel ist erreicht, wenn das belehrte, bevormundete, zurechtgewiesene, gegängelte, besteuerte, bedrohte Opfer meint, das sei eben die Regel - und es möchte das eigentlich auch. Nur etwas anders. Um dann zu meinen, dass pausenloses An-die-Wand-Reden das geeignete Mittel wäre, die Veränderung zu bewerkstelligen. Die Wand, gegen die geredet wird, findet man heute vornehmlich auf X und in anderen sogenannten sozialen Netzwerken. Sie haben die alten Stammtische weitgehend ersetzt. Das politische Palaver ist dabei nicht sachlicher geworden. Im Gegenteil. Man kann streiten, fluchen und beleidigen, ohne befürchten zu müssen, dass das Gegenüber irgendwann aufsteht und einem eins aufs Maul schlägt. Nur blieb der Fluch über die Idioten früher innerhalb der Mauern der Gaststätte. Heute wird er öffentlich millionenfach an die Wand geschrieben. Und selbst die Regierenden scheinen vom Palaver beeindruckt. Ich habe den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung glauben, der Eindruck wäre mächtig gewaltig. So schreibt auch der ein oder andere Akademiker in führenden Medien, dieses oder jenes Problem resultiere daraus, dass die Leute nicht „mitreden durften“. Irgendein Gesetzesverstoß? Natürlich nicht. „Mitreden“ ist im Herrschaftssystem nicht vorgesehen. Aber selbstverständlich: Wenn Sie nur ganz fest daran denken, geht das Treppenlicht aus. Der freie Meinungsträger ist also mit seiner fixen Idee nie allein und findet immer wieder irgendeine zufällige Bestätigung. Bleiben Sie bei mir. Ich weiß, dass Sie sich als echter Demokrat missverstanden fühlen. Nehmen wir also zuerst an, das „Dings“ hätte einen Willen, der sich durch einen Mehrheitsentscheid ausdrückte. Dann ist leider zu fragen: Ist das „Volk“ informiert und wissend, verfügt also über einen Bestand an Fakten und Theorien, die sich durch einen größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen, und ist damit qualifiziert, eine wahre und gerechtfertigte Meinung zu haben? Oder ist es unwissend, ungewiss und meinungslabil, folglich auch manipulierbar? Ist es informiert und wissend, verantwortet es die zahlreichen Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden und werden. Aufgrund seiner Bösartigkeit sollte man ihm keinerlei Souveränität geben. Ist das Volk dagegen dumm, bestechlich und manipulierbar, sollte man ihm erst recht keine Souveränität einräumen. Oder wir nehmen zweitens an, im System der offenen Macht, also dem Demokratismus, hätte die herrschende Clique ein großes Interesse daran, sich bei der nächsten „Wahl“ wieder entsprechend legitimieren zu können. Das wäre immerhin ein gewichtiges Argument für das Verfahren. Wer an der Macht bleiben möchte, muss darauf achten, dass eine hinreichend große Zahl der Beherrschten mit seiner Herrschaft zumindest nicht so unzufrieden ist, dass sie einen anderen Obergeiger bevorzugt. Der Demokratismus hätte damit gegenüber anderen Herrschaftsformen einen eingebauten Rückkopplungsmechanismus: Die Herrschenden können Hinz und Kunz nicht völlig ignorieren, weil sie deren Stimmen irgendwann wieder brauchen. Warum aber Clique? Könnten nicht Hinz und Kunz, also Sie und ich, sich aufmachen, um dann als „Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen“ (Art. 38 GG) endlich einmal ehrlich und rechtschaffen die Menschen zu vertreten, die sie gewählt haben? Oder zumindest die im eigenen Wahlkreis? So könnte man sich allerdings auch fragen, warum Hinz und Kunz sich in einer Militärdiktatur nicht aufmachen, mal kurz General zu werden. Oder warum die beiden sich in der Sowjetunion nicht etwas angestrengt haben, ins Politbüro zu kommen. Für den Demokratismus heißt deshalb die Frage: Was muss Hinz oder Kunz tatsächlich tun und welche Kämpfe muss er gewinnen, bevor das „Dings“ ihn überhaupt wählen darf? Spoiler: Die politische Karriere ist mit einer bürgerlichen Lebenswelt nicht vereinbar. Das merken diejenigen, welche in eine Partei eintreten, um den offenen Toren der Macht näherzukommen, mehr oder weniger schnell. Es ist nämlich kein Zufall, wenn die Spitzenpolitiker mit wenigen Ausnahmen keine 20-jährige berufliche Karriere vorweisen können. Hat man nicht bereits in der Jugendorganisation einer Partei sein „Fähnchen“ nach den aus unterschiedlichen Richtungen wehenden Winden gedreht, hat man sich nicht in einer der zahlreichen parteinahen NGOs entsprechende Grundlagen geschaffen, wird man auf dem von Niedertracht und Intrigen gesäumten Weg der Parteikarriere nicht weit kommen. In diesem Wettbewerb haben zwei Eigenschaften einen erheblichen Vorteil: Obsession und Korrumpierbarkeit. Der Obsessive lässt sich von seinem Ziel nicht abbringen. Irgend eine unverschämte Idee, anderen Menschen in ihre Integrität einzugreifen, treibt ihn an. Der Korrumpierbare ist da flexibel. Er passt sein Ziel - soweit noch vorhanden - den Erfordernissen seines weiteren Aufstiegs an. Wer am Ende oben angekommen ist, kann das eine, das andere oder beides sein. Der niederträchtige VorschubAn den Stammtischen dieser Republik herrscht seit Jahrzehnten Einigkeit im Enttäuschtsein. Es ist fast beliebig, wen jemand warum gewählt hat: Irgendwann fühlt er sich betrogen, verraten oder wenigstens nicht ernst genommen. Ein erheblicher Teil des Stimmvolkes hat längst kapituliert, lässt sich gar nicht mehr instrumentalisieren oder gibt seine Stimme einem sicheren Verlierer.Also wartet man auf den einen, der endlich anders ist. Der stellt sich natürlich nicht auf die Bühne und ruft: „Ich bin ein Idiot. Ich bin einer von euch.“ Im Gegenteil. Die Idioten sind die anderen. Die sind unfähig, korrupt und haben den Kontakt zu den normalen Menschen verloren. Er dagegen vertritt den gesunden Menschenverstand. Welchen genau, hängt davon ab, vor welchen normalen Menschen er gerade schwätzt. Was man wissen könnte, steht in Art. 21 Abs. 1 Grundgesetz: Die innere Ordnung von Parteien muss demokratischen Grundsätzen entsprechen. Das bedeutet nichts Gutes, denn die bereits erörterten Strukturen, welche den niederträchtigen Intrigen Vorschub leisten, haben auch hier die unbefleckten Führer der Neuen an die Spitze gebracht. Die politische Hoffnung wird dabei personalisiert. Hinz und Kunz wählen keine Organisationsstruktur. Sie suchen Figuren, in denen sie den eigenen gesunden Menschenverstand wiederzuerkennen glauben. Was man ebenfalls wissen könnte: Veranstalten Nonnen Ringkämpfe, gewinnt eine Nonne. Und saufen Trinker um die Wette, gewinnt am Ende ein Trinker. Im Wettbewerb der Gauner wird also wenig überraschend ein Gauner gewinnen. Wer durch eine Jauchegrube watet, um anschließend vom Wahlplakat heruntergrinsen zu können, ist selten noch sauber. Und damit wäre auch die Frage beantwortet, ob das Interesse an der Wiederwahl die Sache rettet. Natürlich wirkt es. Nur zwingt es niemanden zu vernünftiger Politik. Es zwingt dazu, die nächste Wahl zu gewinnen. Wer beides für dasselbe hält, hat schon wieder einen Pudding in der Hand. Und selbstverständlich ist es ab einer gewissen charakterlichen Verkommenheit genügend Spitzenpolitikern völlig egal, ob sie Partei und Land herunterwirtschaften oder es nochmals gut geht. Sie haben sich in den Jahren davor bereits abgesichert. Obwohl die Geschichte voller enttäuschender Erlöserfiguren ist, stirbt die Hoffnung zuletzt. Wie die meisten Liebesbeziehungen irgendwann im tristen Alltag und beim Mundgeruch des Partners enden, befindet man sich mit dem neu entdeckten Erlöser zunächst noch in der Phase des Betens. Die politische Konkurrenz, mag sie abgewirtschaftet haben wie selten zuvor, versucht übrigens das Gleiche. Nur ist der Gewinner des parteiinternen hinterhältigen Intrigenspiels nicht unbedingt der Klügste, wenn es darum geht, sich glaubhaft neu zu positionieren und zu verkaufen. Hören Sie, liebe Leser, also immer wieder die alten Politphrasen und hohlen Versprechen, dann ist das nicht weiter verwunderlich. Tippt ein Affe auf einer Schreibmaschine herum, habe ich mir sagen lassen, wird nur selten ein Wort geschrieben. Und mit der Zeit uriniert ein anderer in die Maschine. Man kann sich nie sicher sein, ob ein Affe nicht doch etwas Vernünftiges zu Papier bringt. Dass ein anderer ihm auf die Tastatur pisst, ist jedoch vollkommen sicher. Jetzt geht es los! Alle Hoffnung liegt auf dem Neuen. Kompetent, unbeirrbar, nicht korrumpiert, wird er sich durchsetzen. Hinz redet nicht mehr gegen eine Wand, sondern versucht Kunz davon zu überzeugen, dass jetzt die Richtigen gewählt werden müssten. Das Palaver auf X und an anderen Orten hat endlich Sinn. So eine Art „Sieben Schwaben, die am Spieß vereint sich haben“. Nur eben nicht so dümmlich, wie man meint. Die Vorstellung von dem kompetenten, unbeirrbaren und nicht korrumpierbaren Einzelkämpfer kommt einem bekannt vor. Bond. James Bond. Wenn Sie die Filme kennen, wissen Sie, dass der Held ein Agent des britischen Geheimdienstes ist. Gekämpft wird meist allein, gegen bestens organisierte potentielle Weltvernichter. Da muss man gut bewaffnet sein. Weshalb der Agent eine Walther PPK mit acht Schuss hat. Der Actionfilm wäre trotzdem sehr kurz, schliche sich der Held an den Bösewicht heran und „Peng“. Also dreimal „Peng“, davon einmal daneben, und man hat noch fünf Schuss übrig. Der Rest des Filmes drehte sich dann um die Reisekostenabrechnung des Agenten. Ich habe nicht alle Filme gesehen, doch ich glaube, Bond kann ebenfalls keinen Pudding an die Wand nageln. Und daran wird auch ein noch so frischer Parteiführer scheitern. Mehr noch: Er wird so lange im Abwasserkanal des Herrschaftsapparats getaucht werden, bis er glaubt, er bade im reinen Quellwasser. Das bedeutet natürlich nicht, dass neue Personen an der Spitze nicht neue politische Aktivitäten entwickeln können. Am wahrscheinlichsten ist es jedoch, dass sie die Unverschämtheiten, zu welchen den alten Gaunern die Kraft fehlte, dann umsetzen. Mal richtig das Richtige wollenNehmen wir nun mal an, wir hätten einen ehrlichen Spitzenkandidaten. Kann auch eine Frau sein. So ein richtiges Flintenweib, das den Luschen in Stadt und Land mal zeigt, wo vorne ist. Leni Riefenstahl drehte 1934 den Film Triumph des Willens. Der war nicht autobiographisch, sondern sollte suggerieren, dass der damalige Obergauner mit seinen Schergen jetzt aber mal so richtig das Richtige wollte.Dabei sollten wir nicht vergessen, dass auch Partei ein Kollektivsubstantiv ohne eindeutigen Willen ist. Während die große Mehrheit des Parteivolkes entmündigt und zum Zettelverteilen degradiert ist, jonglieren die Führungsgremien mit dem Pudding, der wohl vom Heiligen Geist empfangen wurde. Denn über alle Parteien hinweg wird kaum jemand Begriffe wie „demokratisch“, „sozial“, „konservativ“, „liberal“, „rechts“ oder „links“ eindeutig definieren können. Aber unter und mit diesen Schlagwörtern firmiert, fabuliert und schwätzt man herum. Wer konkret würde, zum Beispiel: 1. Ersatzlose Streichung der §§ X, Y, Z des Einkommensteuergesetzes. 2. Streichung des Gesetzes über X, würde das Abendgeläut nicht mehr hören, bevor er selbst ersatzlos vom Fenster weg wäre. Denn in den konkreten Paragraphen und Gesetzen haben über die Jahrzehnte die Obsessiven, die Korrupten, die Ideologen, die Opportunisten und die Gutmenschen ihre Fettfinger abgedrückt. Und nein, niemand kann mehr das Konstrukt von Regeln, Sonderregeln, Querverweisen und Ausnahmen überblicken. Nur wenn man irgendetwas streicht, hört man von irgend einer Stelle das Geschrei. Und natürlich auch innerhalb der eigenen Partei. Und hat man etwas abgesprochen, kann man darauf warten, bis das charakterlich verkommene Gegenüber irgendwo in den Medien das Gegenteil behauptet oder zumindest die Vereinbarung relativiert. Sie erinnern sich, liebe Leser? Kompetent, unbeirrbar, nicht korrumpiert, wird sich der Neue, Frische durchsetzen. Bond, James Bond erschießt mal kurz vom Dach eines Hauses einen Banditen im gegenüberliegenden Hotelzimmer und das ganze Gebäude stürzt ein. Bond, James Bond fährt mit seiner Karre durch einen Markt und um die überfahrenen Händler und Besucher kümmert sich niemand mehr. In der Politik stellen die Unbeirrbaren bereits bei einem kaputten Bremslicht fest, dass das Kafkaeske Realität, der Diskurs lediglich Fiktion ist. Oder anders ausgedrückt: Der Actionfilm endet mit dreimal „Peng“, und spätestens bei der Reisekostenabrechnung reicht der Agent innerlich seine Kündigung ein. Vielleicht ist das Nageln eines Puddings dann doch einfacher. Und bei all dem habe ich noch nicht erwähnt, dass frühere Regierungen klammheimlich die Autonomie des Staates an fremde Organisationen abgegeben haben. Das war aus ihrer jeweiligen Perspektive keineswegs immer dumm. Man konnte Probleme gemeinsam lösen, Entscheidungen auslagern und sich gegenseitig binden. Nur hat das Ganze inzwischen etwas von Frankenstein. Der geschaffene Koloss entwickelte ein Eigenleben. Er setzt Regeln, schafft Institutionen, verteilt Zuständigkeiten und produziert neue Regeln, ohne dass eine Regierung ihn einfach wieder in seine Einzelteile zerlegen könnte. Austreten kann man theoretisch. Praktisch ist es mit multiplexen Problemen, Schikanen und Nachteilen verbunden. Aber was soll's? Stets das Gleiche zu tun und immer etwas anderes zu erwarten, ist ein Zeichen von Wahnsinn. Niemand, keine Person und keine Organisation lässt sich gegen ihre eigenen Interessen wenden. Auch Zwerge haben mal klein angefangen. Und Oma, die den Geist gesehen hat, war mal eine junge attraktive Frau. Und so waren sie mal alle: frische Windbeutel, welche diffuse Vorstellungen davon hatten, wie man Millionen Menschen zu einem Verhalten zwingen kann, das diese aus eigenem Antrieb nicht gewählt hätten. Diese Vergewaltigungsphantasien wären im ersten Ansatz geplatzt wie Seifenblasen, hätten sich die Menschen in der Umgebung empört. Doch niemand empörte sich, weil sich Hinz und Kunz ebenfalls als Gesellschaftsklempner fühlen. Haben sie den Müll heruntergetragen, fragen sie ihren Schäferhund, wie man den Mantelbogen der Einkommensteuererklärung ausfüllt, und anschließend erklären sie, wie Millionen Menschen leben sollen. Und so verwundert es nicht, dass alte und neue oder runderneuerte Parteistrategen immer wieder Entscheidungen treffen, die jeder Rationalitätsvermutung Hohn sprechen. Mit dem Pudding in der Hand hat man nur noch klare Vorstellungen davon, welche persönlichen Vorteile man sich verschaffen kann. Auf Kosten der Partei, zum Nachteil des ganzen Landes? Scheiß drauf! Die Fettaugen schwimmen eben auch im Abwasserkanal des Herrschaftsapparats immer oben. Neulich postete eine sogenannte Volkspartei auf X einen Artikel der Welt. Überschrift der Zeitung: „Jetzt begleiten Justizsenatorin und Innenstaatssekretär das SEK im Kampf gegen das Verbrechen.“ Die Pressestelle der Partei schrieb dazu: „Wir nehmen den Clans alles weg. Villen, Autos, Konten.“ Das müsste Hinz und Kunz eigentlich zutiefst besorgen. Doch in den zahlreichen Kommentaren las ich vor allem Vorwürfe. Warum die Partei das nicht schon viel früher gemacht hätte? Und das seien doch sowieso alles nur leere Versprechungen. Bleiben Sie bei mir. Ich helfe Ihnen auf die Sprünge. Selbst wenn diese Partei alle Minister der Regierung stellte und der Obergeiger nicht nur schwatzte, sondern wirklich wollte, wäre einiges faul im Herrschaftsapparat, dürfte die Exekutive einfach irgendwem Villa, Auto und Konto wegnehmen. Darüber entscheidet immer noch ein Gericht. Aber Hinz und Kunz sehen sich nicht als die, denen man etwas wegnimmt. Weggenommen wird den anderen. Erst wenn das Sondereinsatzkommando die eigene Tür einrammt, man zu Boden geworfen und gefesselt wird, das gehortete Zeugs weg und das Bankkonto gesperrt ist, bekommt die Forderung, der Herrschaftsapparat möge endlich einmal richtig durchgreifen, einen anderen Klang. Wer meint, es müsse nur endlich jemand einen Pudding an die Wand nageln wollen, wird am Schluss die Plärre vom Boden lecken. „Was nützt den Schafen, dass ihnen Niemand die Redefreiheit verkürzt? Sie bleiben beim Blöken.“ (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum) Folgen Sie mir auf Twitter: X: @KurtKowalsky Erstellt am 28.10.2026. alle Rechte vorbehalten |
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