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Libertäre Rundschau

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David Dürr:

Luzifer und der Staatsgott

Das Licht der Anarchie

DuerrDer Staatsgott

Ich sehe sie noch deutlich vor mir, diese besonderen Momente damals in meiner Kindheit als Messdiener in unserer katholischen Quartierpfarrei. In der feierlichen Liturgie der Osternacht, im Licht des Feuers auf dem Pfarrhof, rezitieren die Gläubigen in monotonem Rhythmus ihr gemeinsames Glaubensbekenntnis. Ich höre es noch heute, ich meine noch den Weihrauch zu riechen, wenn ich bei Diskussionen über Grundsatzfragen der Gesellschaftsorganisation meinen Gegnern zuhöre:

Ich glaube an den einen Staat,
den Vater, den Inhaber des Gewaltmonopols,
den Ursprung von allem Sollen und Sein.

Und an den staatlichen Machtapparat
seinen einzigen Sohn, unsern Herrn,
empfangen aus dem Geist der Freiheit,
geboren aus jungfräulicher Revolution,
gelitten unter reaktionären Mächten,
herausgefordert von anarchistischen Irrlehren,
hinab gestiegen in das Reich der Vergessenheit,
im Nationalismus aber wieder auferstanden,
aufgefahren zum himmlischen Staatspalast,
als Verkörperung der staatlichen Allmacht;
aus der er seine Kompetenz ableitet,
zu bestimmen, was gut und was böse ist.

Ich glaube an den heiligen Geist,
die heilige, uns alle umfassende Organisation,
die Gemeinwirtschaft der Gläubigen,
die Lösung unser aller Konflikte,
und für die Lebenden und die Toten
die Erfüllung der Geschichte.

Amen

Und stark sind sie, diese Glaubenskräfte. Haben Sie schon einmal versucht, den Glauben an den Staat abzulegen? Nur ganz kurz, mit einem kleinen Gedankenexperiment, einem durchaus realistischen übrigens: Es würde der Staat, sagen wir im Jahr 2020, konkursgehen und könnte keine Löhne mehr bezahlen. Feuerwehrleute und Polizisten würden versuchen, in privaten Sicherheitsfirmen unterzukommen oder auf eigene Faust ein Geschäft aufzuziehen. Kommt Ihnen da nicht als allererstes in den Sinn – noch bevor Sie sich irgendetwas auch nur halb­wegs Konkretes zum Verhalten privater Sicherheitsanbieter überlegen – das gehe doch gar nicht. Da gälte doch einfach das Recht des Stärkeren und nach langen Kämpfen schliesslich das Recht des Allerstärksten, dem dann alle bedingungslos gehorchen und bezahlen müssten. Und käme Ihnen da plötzlich der freche Gedanke, dieses Recht des Allerstärksten sei ja nichts anderes als der heutige Staat mit seinem Gesetzgebungs-, Gewalt- und Besteuerungsmonopol; und dass es doch viel besser sei, solche Horrorvisionen bloss als anarchistische Möglichkeit und nicht als staatliche Gewissheit zu haben – würden Sie diesen Gedanken nicht sogleich erschrocken oder zumindest kopfschüttelnd von sich weisen? Das ist Glaube, starker, tief eingeprägter Staatsglaube.

Das Seligkeitsmonopol

Und wollten Sie sich noch kurz solch ketzerischen Gedanken hingeben, so würde Sie Ihr Gewissen schon bald auf den Tugendpfad der Dankbarkeit zurückführen: Es mag dieser Staat zwar gewisse Freiheitsbeschränkungen mit sich bringen, doch anderseits beschenkt er uns doch auch reichlich aus seinem nie versiegenden Füllhorn. Wer baut denn die Strassen, wenn nicht er? Wer sorgt denn für uns in Krankheit und Not, wenn nicht er? Wer gibt denn uns allen gleiche Bildungschancen, wer pflegt unsere Umwelt, wer schützt uns vor Kriminalität und wirtschaftlicher Ausbeutung, wenn nicht er?

Das macht doch sonst niemand! Nie und nimmer – würde das Gewissen Ihnen zuflüstern – käme ein Unternehmen auf die Idee, Infrastrukturanlagen zu bauen und sie dem Publikum gegen Bezahlung zur Verfügung zu stellen! Nie und nimmer würde jemand Spitäler und Arztpraxen, oder Schulen und Universitäten betreiben! Nie und nimmer kämen andere Organisationen als Staaten auf die Idee, sich für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur einzusetzen. Und dass sich Gewerkschaften oder gemeinnützige Institutionen in professioneller Art für schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft einsetzen, sei doch völlig undenkbar.

In der Tat – so würden Sie Ihrem Gewissen beipflichten – so gut, selbstlos und gerecht ist nur der Staat allein mit seiner uns so liebevoll umsorgenden Grossorganisation. Nur bei ihr allein können wir selig werden. In ihrem Schoss nicht geborgen sein zu wollen, ist nicht einfach dumm und undankbar, sondern ein sündhafter Verstoss gegen das staatliche Seligkeitsmonopol.

Das muss geahndet werden. Und dies in der Art, wie Monopolisten zu ahnden pflegen, das heisst mit dem Ahndungsmonopol.

Die staatliche Inquisition

Die heilige römische Inquisition hat dies mit ihrer Verfahrensordnung lehrbuchmässig vorgeführt. Kontroversen um kirchenkonformes Verhalten wurden nicht einer neutralen Instanz zur Beurteilung unterbreitet, sondern von der Kirche selbst entschieden. So war es ein und dieselbe Inquisition, welche das Volk überwachte, die Leute ausspionierte, Verdächtige verhaftete, die Strafuntersuchung führte dies nicht eben zimperlich), alsdann das Urteil sprach und dieses am Schluss auch vollstreckte (ebenfalls nicht zimperlich).

Genau wie heute der Staat: Streitigkeiten zwischen ihm und einem Bürger werden nicht einer neutralen Instanz zur Beurteilung unterbreitet, sondern vom Staat selbst entschieden. Er führt die Untersuchung, er stellt das Gericht, er bezahlt die Richter, er erlässt die Gesetze, nach denen zu urteilen ist, er spricht das Urteil und vollstreckt es auch gleich. Widerstand wird zwecklos sein, weil sich der Staat mittels staatlicher Vorschrift nebst dem Gesetzgebungs- und Justiz- auch gleich noch das Gewaltmonopol besorgt hat. – Gewaltenteilung? Es soll erwach­sene Menschen geben, die allen Ernstes an den Osterhasen glauben.

Und selbstverständlich missbraucht der Staat sein Gesetzgebungs-, Justiz- und Gewaltmonopol, ohne jede Hemmung. Dass alle vor dem Gesetz gleich seien, auch er selbst, der Staat – das verhöhnt er mit einer unverhohlenen Ausdrücklichkeit, die eigentlich blankes Staunen auslösen müsste: So teilt er die von ihm selbst definierte Rechtsordnung in zwei komplett verschiedene Teilordnungen auf; die eine, das sogenannte Privatrecht, für die Normalsterblichen, die andere, das öffentliche Recht, für sich selbst, den Staat. Und was er dort den Privaten verbietet, erlaubt er sich hier generös. Dort predigt er Wasser, hier trinkt er Wein. Die förmlich kodifizierte Ungleichheit vor dem Gesetz.

Die Blutspur der Kreuzzüge

Kein Wunder, gedeihen auf diesem monopolistischen Nährboden Arroganz, Begehrlichkeit, Totalitarismus bis hin zu völlig willkürlichen Terror- und Gewaltregimen. Die revolutionären Umbrüche vor 200 Jahren haben diese Problematik nicht etwa entschärft, sondern gegenteils in apokalyptische Dimensionen gesteigert. Was die sogenannt konstitutionellen Nationalstaaten seit ihrer Entstehung angerichtet haben – europäische und asiatische Grosskriege im 19. Jahrhundert, nicht weniger als zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert, totalitäre Gewaltregimes mit industriell perfektionierten Massenvernichtungen – hatte die Welt bis dahin noch nicht gesehen. Und auch das 21. Jahrhundert verspricht keine Besserung, im Gegenteil.Angesichts dessen fragt sich eigentlich nur etwas: Warum bloss gibt es noch immer Menschen, die dem Staats-Paradigma mit seinem Gesetzgebungs-, Justiz- und Gewaltmonopol das Wort reden? Und noch erstaunlicher: Warum sind dies nicht nur einige wenige unverbesserliche Etatisten, sondern ist es der überwiegende Mainstream? Warum bloss? – Weil Glauben blind macht, und weil ein flächendeckend verbreiteter Volksglaube eine ganze Gesellschaft blind macht.

Selig, die nicht glauben, sondern sehen!

Luzifer

Dass Luzifer – der Lichtbringer – so erfolgreich war, lag nicht einfach an seinem Ehrgeiz, sondern vor allem daran, dass er nur das akzeptierte, was ihm einleuchtete. Glauben war seine Sache nicht, sehen wollte er. Und als ihm eines Tages die anderen Erzengel erklärten, einer von Ihnen sei jetzt plötzlich ganz anders und dürfe sich neu „Gott“ nennen, da holte Luzifer als erstes einmal Licht. Er wollte mit eigenen Augen verifizieren, ob dieser angebliche Gott auch wirklich ein solcher war.Doch was er bei Lichte sah, war, dass dieser Gott halt nach wie vor nichts anderes als ein ganz normaler Erzengel war. Durchaus gescheit, fähig, organisiert, vielleicht sogar charismatisch, aber das war noch manch anderer Erzengel auch. Und so deutlich Luzifer dies sah, so klar sprach er es auch aus. Das kam bei der Gottesfraktion nicht gut an. Zwar konnte sie seine Feststellungen nicht bestreiten, doch erklärte sie ihm nur umso genervter, dieser Gott sei nun mal von allen Menschen auf der Erde so gewollt und in einem feierlichen ge­samtgesellschaftlichen Vertrag beschworen.

Klar, dass Luzifer nun diesen Vertrag zu sehen wünschte. Doch den erhielt er nicht. Es gab ihn nämlich nicht, jedenfalls nicht in schriftlicher oder irgendwie bezeugter Form. Was es hingegen gab, waren komplizierte, ziemlich theoretische Abhandlungen gelehrter gottesfürchtiger Erzengel, die in eleganter Form zum Schluss kamen, es gebe einen solchen Vertrag irgendwie doch. Wirklich einleuchten wollte dies Luzifer aber nicht. Und auch dies sprach er unmissverständlich aus.

Gereizt warf man ihm nun Besserwisserei vor. Es sei doch einfach so – Göttlichkeit hin oder Gesellschaftsvertrag her – dass es so etwas wie ein allererstes Urprinzip brauche, das gebe den Menschen Halt, und dem sage man nun eben Gott. Das sei sozusagen der personifizierte Anfang und Ursprung überhaupt von allem, „Arche“ sei er, sagten sie auf Griechisch. Als Luzifer dann auch dahinein leuchtete und feststellte, dass keine solche Arche da war – auf Griechisch sprach er von „An-Arche“ –, da gab es echten Zoff. Seine Fakten interessierten die anderen nicht, sie schimpften ihn nur noch fortwährend einen „An-Archisten“, mobbten ihn aus dem Himmel und verleumdeten ihn schliesslich als den bösen Fürsten der Finsternis, vor dem man sich geflissentlich hüten sollte.

Und da ist sie wieder, die Erinnerung an die Liturgie der Osternacht damals zu meiner Messdienerzeit. Da spürt man förmlich die Angst meiner Gesprächspartner vor den eigenen Zweifeln an ihrem etatistischen Taufgelübde:

Ich widersage dem Luzifer,
mit all seiner Macht der Finsternis 
und seinen Verlockungen des Bösen
sowie all seinen eitlen Werken
und der sündigen anarchischen Welt,
auf dass ich würdig werde
des heiligen Staats.

Am Anfang war Anarchie

Dabei hat der Standpunkt Luzifers doch vieles für sich. Am Anfang war in der Tat nicht Arche, sondern das Gegenteil davon. Der Staat – definiert als Organisation mit archischer Zentralgewalt – begleitet die Menschheitsgeschichte zwar schon lange. Doch bildeten die ersten solchen Staatskulturen in Ägypten, im Zweistromland, in Mittel- und Südamerika oder in China bloss kleine Flecken auf der Weltkarte. Darum herum war lauter nichts, oder waren höchstens kleine Populationen in wenig entwickelten Sozialstrukturen. Da gab es kein generelles Vorherrschaftsprinzip und schon gar keinen umfassenden Weltstaat.Einen Weltstaat gibt es auch heute noch nicht, was irgendwie erstaunlich ist. Denn die Organisationsform des monopolistischen Staats deckt inzwischen ja so ziemlich den ganzen Erdball ab. Und trotzdem gilt für das runde Erdball-Territorium als solches das Prinzip der monopolistischen Vorherrschaft nicht, sondern jenes der An-Archie. Da gibt es nicht jene oberste Zentrale, von der man in allen Ländern behauptet, es brauche sie so dringend.

Das müsste der global so verbreiteten Staatsgläubigkeit eigentlich ein Dorn im Auge sein. Denn solange das Arche-Prinzip nicht global umgesetzt ist, hat zwar jedes einzelne Land seinen eigenen und einzigen Staatsgott, doch stünde dessen aprioristisch legitimierte Autorität im Widerspruch dazu, dass es nebenan noch viele weitere Länder gibt, die ebenfalls so tun, wie wenn ihr Staatsgott aprioristisch legitimiert wäre. Mehr als eine oberste Macht, ein Widerspruch in sich!

Viele einzig wahre Götter

Erstaunlich ist nun aber, dass sich der weltweit so dominierende Staatsglaube mit diesem Fehlen eines einheitlichen Weltstaats gar nicht so schwer tut. Zwar gibt es durchaus die auf Weltzentralismus hinsteuernde Kartellpolitik der Hochsteuerländer, die unverblümt die Ausmerzung weisser Oasenflecken von der Weltkarte fordert. Zwar gibt es den „Islamischen Staat“, der nicht ruhen will, bis der ganze Globus einheitlich islamisch ist. Und es wurden ja auch schon Überlegungen dahin angestellt, internationale Grossorganisationen wie die UNO in Richtung eines Weltstaats zu entwickeln.Doch bemerkenswerterweise gibt es auch sehr starke Aversionen gegen einen globalen Einheitsstaat. Wenn ich etwa in Seminaren konsultativ abstimmen lasse, sind regelmässig klare Mehrheiten gegen einen Weltstaat. Und dies interessanterweise bei Diskussionsrunden, die sich grossmehrheitlich für das einzelstaatliche Monopolprinzip aussprechen. Eine Erklärung mag darin liegen, dass es den nationalen Einzelstaat in der gelebten Wirklichkeit halt gibt, den Weltstaat aber nicht – die normative Kraft des Faktischen. Eine andere Erklärung liegt möglichweise im Verhalten der jeweiligen Landes-Machtträger, die zwar noch sehr gern die fundamentale Richtigkeit und Notwendigkeit ihres eigenen Staates promoten, ihre Macht aber nicht an eine globale Obermacht verlieren wollen.Wie dem auch sei, so stimmt es jedenfalls hoffnungsvoll, dass Staatsgläubigkeit sehr grundsätzlich relativ ist: Es gibt ganz offensichtlich nicht nur einen, sondern ziemlich viele einzig wahre Staatsgötter. Das rückt nicht nur wohltuend die Relativität solch heiliger Wahrheiten, sondern auch ganz praktisch so etwas wie Wettbewerb zwischen all den vielen Staatsgöttern ins Blickfeld. Diese versuchen zwar hartnäckig, sich solch unangenehme Konkurrenz mit kartellistischen Gebietsabsprachen vom Hals zu halten – sie nennen dies jeweils feierlich „Staatsterritorien“ – doch wie alle Kartelle haben sie eine realistische Chance, an ihrer maroden Privilegienkultur zugrunde zu gehen.

Jeder soll auf seine Façon selig werden!

Die Sehnsucht nach Kirche

Ein Einwand, den ich immer wieder gegen meine anarchistischen Argumente zu hören bekomme, lautet: Die Leute wollen doch einen Staat, das sind sie gewohnt, da fühlen sie sich wohl, du hast nicht das Recht, dies ihnen wegzunehmen. Ich antworte dann jeweils, dass ich dies ja gar nicht wolle, woher nähme ich auch die Legitimation dazu, jemandem seinen geliebten Staat wegzunehmen. Jeder kann doch nach seiner Façon selig werden, als Katholik, als Eremit, als Salafist oder als Staatist. Dagegen ist ja gar nichts einzuwenden.Was aber nicht angeht, so sage ich dann, ist, dass jemand seine Kirche oder seinen Staat Andersgläubigen aufzudrängen versucht. Heilige Unterwerfungskriege von Salafisten oder katholische Kreuzzüge ins Heilige Land sind so illegitim wie das Ansinnen, einem Staat über sämtliche Leute in einem Territorium Befehlsgewalt zu geben, also auch über diejenigen, die sich ihm gar nicht anschliessen wollen. Und selbst wenn 99 Prozent der Bevölkerung eines bestimmten Territoriums Salafisten sind oder Katholiken oder Staatsanhänger, dann haben sie das Recht nicht, ihren Glauben auch dem einzigen andersgläubigen Prozent aufzunötigen.

Dass es sehr viele Leute sind, die einen Staat wollen, ist eine Tatsache, die zu bestreiten kein Anlass besteht. Man darf sich zwar fragen, wie innig dieses „Wollen“ ist angesichts der Tatsache, dass der Staat ja gar nicht erlaubt, ihn nicht zu wollen. Gäbe es Alternativen, wäre die Staatsaffinität wohl viel weniger verbreitet. – Aber lassen wir dies für einen Moment beiseite und anerkennen die Tatsache, dass sich recht viele Menschen zum Staat hingezogen fühlen. Und wenn nicht zum Staat im konventionellen Sinn, dann eben zu sonst einer Kirche. Das heisst zu einer Organisation, bei der man sich mit vielen anderen Menschen zusammen auf einen gemeinsamen Bezugspunkt ausrichten und eben darin Stabilität und Geborgenheit finden kann.Das kommt übrigens auch im Wort „Kirche“ zum Ausdruck, dessen althochdeutscher Vorläufer „Kirihha“ aus dem griechischen „Kyriakon“ kommt, was so viel heisst wie das Haus des Herrn. Zu diesem gruppendynamischen Bedürfnis passt ja auch die Raumarchitektur kirchlicher Sakralbauten, wo die Anordnung der Stuhlreihen oder Kniebänke bewirkt, dass die Blicke der Gläubigen parallel nach vorn zum Allerheiligsten gerichtet werden. Und wenn dann der Priester von dort her dem Volk zuruft: „Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch!“, dann spüren die Gläubigen den Halt, den sie suchen.

Die Säkularisierung fand nicht statt

Auch der Staat ist ein solches Haus des Herrn mit der gleichen Zusammengehörigkeitsstruktur der nach vorn gerichteten Orientierungsparallelität. Und auch hier ist rein gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Gläubige in dieses Haus des Herrn strömen. Von mir aus sollen sie auch versuchen, Andersgläubige zum Beitritt zu bewegen, solange dies nicht allzu aufdringlich geschieht. Bloss, andere zum Beitritt zu zwingen, ist – wie gesagt – ein No Go.Diese Vergleichbarkeit, nein diese Gleichheit von Kirche und Staat steht nun irgendwie quer zu jenem gesellschaftlichen Entwicklungsprozess, den man sozialwissenschaftlich Säkularisierung oder Verweltlichung der Gesellschaft nennt. In Europa, sagt man, habe eine solche Säkularisierung im Umfeld revolutionärer Umbrüche des 18. und 19. Jahrhunderts stattgefunden. Da haben Bischöfe und Klöster ihre Hoheitskompetenzen und nicht selten auch ihren Reichtum verloren. Übernommen wurde all dies von staatlichen Strukturen, vor allem solchen der neuen nationalen Bewegungen, konstitutionellen Monarchien oder Republiken. Rein äusserlich also eine durchaus handfeste Entkirchlichung.

Doch inhaltlich hat sich rein gar nichts geändert, oder jedenfalls nicht das, was man der Säkularisierung üblicherweise zuschreibt. Geändert hat sich einzig, dass die religiösen, vor allem die christlich ausgerichteten Kirchen ihre Herrschaftsrechte verloren. Unverändert blieb jedoch die Kirchlichkeit der Herrschaftsstrukturen. Das Haus des Herrn blieb bestehen, die nach vorn gerichtete Orientierungsparallelität blieb unverändert; bloss dass dort vorn nun nicht mehr der Priester Gottes, sondern die Regierung des Staates stand.

Und vor allem übernahmen diese weltlichen Regierungen die sonst Kirchen nachgesagte Unart, die Leute in ihrem Einflussbereich zur Mitgliedschaft zu zwingen. Die Zwangskirchlichkeit der Kirchen wurde nahtlos in die Zwangskirchlichkeit der Staaten überführt. Das war beileibe nicht die Meinung der Säkularisierung und bestimmt auch nicht von dem, was man ein neues Regime nennt.

Das neue Regime

So leben wir auch heute noch im Ancien Régime. Die uns beherrschen, schöpfen ihre Macht noch immer aus einer fragwürdigen Quelle. Sie nennen diese zwar nicht mehr Gott, auch nicht mehr absolutes Königtum, sondern beispielsweise „Demokratie“, oder etwa auch „öffentliches Interesse“, „soziale Gerechtigkeit“ oder „Verant­wortung für die Zukunft“. Doch ihr Problem ist noch immer das gleiche wie im alten Regime: Sie dienen nämlich nicht – was durchaus legitim wäre – dazu, Leute anzuwerben, zu überzeugen und zur Gefolgschaft zu ermuntern. Sondern sie werden nach wie vor als Legitimation zur Durchsetzung von Zwangsgefolgschaften missbraucht.Gelänge es, diese Zwangsgefolgschaft zu überwinden, so hätten wir das neue Regime doch noch geschafft. Die Staaten als solche und auch ihre kirchentypischen Strukturen könnten sogar bestehen bleiben. Bloss dürfte niemand mehr zum Beitritt gezwungen und vom Austritt abgehalten werden. So wenig wie das auch bei anderen Organisationen der Fall ist: Bei religiösen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Klöstern, politischen Vereinen, Gewerkschaften oder Wohngenossenschaften, Vorsorgeeinrichtungen, Sterbehilfe- und Blutspendegruppen, Wohltätigkeits-, Bildungs- oder Kulturorganisationen, profitorientierte oder gemeinnützige Wirtschaftsunternehmen.

Mit ihnen allen hätten sich die Staaten im Wettbewerb zu messen. Nicht nur im Wettbewerb um das, was Profit abwirft wie Infrastruktur, Ausbildung oder Volksgesundheit – das natürlich auch – sondern ebenso im Wettbewerb in anderen Bereichen gesellschaftlicher Bedürfnisse, etwa bei der Hilfe für schwache Gesellschaftsmitglieder oder beim Schutz von Tier und Umwelt. Und insbesondere auch in jenen Bereichen, von denen die Staaten stets behaupten, nur sie allein seien dafür tauglich, wie Ruhe und Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit. Das Seligkeitsmonopol müsste also ebenso fallen wie das Gesetzgebungs-, Justiz- und Gewaltmonopol. Ganz abgesehen davon, dass die Fundamentalgesetze des menschlichen Zusammenlebens ja ohnehin da sind, als natürliche Verhaltensgesetzmässigkeiten des Homo sapiens. Sie müssen von niemandem „gegeben“ werden, schon gar nicht von einem monopolistischen Gesetz-Geber.Ein neues Regime mithin verstanden als Meta-Regime, das darauf verzichtet, ein einziges Regime über alle anderen zu stellen. Ein Meta-Regime, das keinem einzelnen Regime Archie zuerkennt. Das neue Regime der Anarchie.

In anderer Weise aber auch ein uraltes Meta-Regime. Jenes gleiche, das – wie vorhin gezeigt – für den Erdball als ganzen schon seit jeher gegolten hat und auch heute noch gilt. Bloss dass es nun auch für jedes Teilterritorium dieses Planeten zum Tragen kommen sollte. Das würde bedeuten, dass die heutigen Staaten nicht nur die Zwangsmitgliedschaft ihrer Angehörigen und die Monopole ihrer Aufgaben verlieren würden, sondern ebenso ihre Territorien. Wo man wohnt, wird nicht mehr relevant sein für die Frage, zu wem man gehört. Hierfür entscheidend wird nur noch sein, zu wem man gehören will. Je nach dem auch zu niemandem. Und wohl kaum für alles zum Gleichen. Das Paradies wird sich bei diesem neuen Regime nicht einstellen, aber immerhin auch nicht die Hölle, in die der Staat die Welt schon mehr als einmal gestürzt hat. Es wird auch mit dem neuen Regime die Welt dieses Homo Sapiens sein, der danach strebt, sich in Kirchen zu organisieren. Also wird es Kirchen geben, Häuser des jeweiligen Herrn, mit Priestern und Gläubigen, Herrschern und Untertanen, Häuptlingen und Indianern. Entsprechend wird es auch Mächtige mit Machtballungen geben und damit das Risiko, dass solche Herrscher ihre Macht missbrauchen. Doch keinem wird man mehr abnehmen, dass sein Machtmonopol legitim sei. Und schlicht auslachen wird man jene, die ihr Machtmonopol damit begründen, es gelte Machtmonopole zu verhindern.

Ein Wettlauf mit der Zeit

Von Wendezeiten der menschlichen Gesellschaft war schon oft die Rede, wohl noch kaum je zu Recht. Doch jetzt steht eine Wende an, die grundsätzlicher kaum sein könnte:

Auf der einen Seite das archische Prinzip des Staatsparadigmas, das so gut wie alle Gebiete dieser Erde befallen hat und kurz davor steht, auch noch den Erdball als solchen zu seinem Träger zu machen. Die Staatskartelle drängen immer mehr zur alles umfassenden globalen Einheit. Selbst traditionell verfeindete Staatenblöcke finden sich in Minne vereint, wenn es um die Jagd nach Besteuerungssubstrat geht oder um den Kampf gegen einen irgendwie definierten Weltterrorismus oder um so skurrile Ziele wie die Verhinderung von globalen Klimaveränderungen. Nur wenig braucht es mehr, und aus den eng verbandelten Kartellen entsteht ein uniformes Konglomerat geballter Weltmacht. Die apokalyptische Wende zum Weltstaat, der ungehindert auch noch die letzten Reste von Anschlussfreiwilligkeit absaugt. Der ultimativ konzentrierte Leviathan, die totalitäre Kernschmelze der menschlichen Gesellschaft.

Auf der anderen Seite das anarchistische Prinzip, das es – wie erwähnt – fast nur noch auf dem runden Erdball als solchem gibt. Hier fehlt zum Glück noch immer ein oberstes Machtzentrum, das seine Herrschaft auch über diejenigen ausüben darf, die sich ihm nicht anschliessen wollen. Gelingt es dem Anarchoprinzip, sich nicht nur für den Globus als solchen zu behaupten, sondern auch dessen Teilterritorien zurückzugewinnen, lässt sich die totalitäre Kernschmelze abwenden. Dann eröffnet sich die Möglichkeit einer grundsätzlich dezentralen Ordnung der Weltgesellschaft, in der sich die Menschen zwar ebenfalls in Strukturen und Hierarchien organisieren werden, wo aber von Zwangsmitgliedschaften abgesehen wird.Die Zeit drängt. Der etatistische Druck ist riesig und sein Ziel bereits in Griffnähe, und der Anarchismus steht in der Defensive. Doch ist genau dies auch seine Chance. Anarchie ist immer defensiv, definitionsgemäss, sie zwingt nicht, sondern wehrt sich gegen Zwang. Ihre Strategie geht nicht auf Er-, sondern auf Entoberung. Sie muss nicht der geballten Macht des Etatismus eine wo möglich noch grösser geballte Gegenmacht entgegenstellen. Ihr Ansatz ist subversiv. Sie wirft nicht eigene Bomben, sie entschärft die Bomben des Staates.

Rasche Entschärfung ist also angesagt, eine Entschärfung der staatlichen Machtanmassung. Am wirkungsvollsten vielleicht nach der Methode Luzifers, Licht in die Verhältnisse zu bringen. Zum Beispiel mit diesem Essay.

 



Erstellt am 07.01.2016,  Alle Rechte beim Autor.
 
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