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Libertäre Rundschau

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Stefan L. Bornemann:

Mit dem Arsch auf der Führerlimousine

Der letzte Zeuge in einer fehlschlüssigen Gesellschaft

Parade SA, Hitler, Nürnberg 1935, Quelle: Charles Russell Collection, NARA. Dieses Bild ist gemeinfrei.Über das Buch von Rochus Misch: »Der letzte Zeuge: Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter« und die vernebelten Zusammenhänge bundesrepublikanischer Geschichtsaufarbeitung. Wer verstehen will, dass Staatsapparate per se gewalttätig sind und nur in dialektischer Beziehung zu fehlschlüssigen Gesellschaften funktionieren können, wird andere Bücher lesen müssen. Misch wird dieser Ansatz fremd bleiben, wie den meisten Menschen auf dieser Welt.

(Foto: Charles Russell Collection, NARA., aus Wikipedia, Stichwort Adolf Hitler und nur im thematischen Zusammenhang mit dem besprochenen Buch.)

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Die Unterzeile des Buches lässt den Autor bekennen: »Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter«. Eine Tatsache, die sich nicht jeder merken kann.

Nochmals: Rochus Misch war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter. Wer nämlich glaubt, Rochus Misch müsste irgend etwas anderes gewesen sein, zum Beispiel Hitlers Gesprächspartner, sein Förderer, Ratgeber oder Kritiker, der Empörte, Entsetzte, ein potentieller Saboteur vielleicht sogar Widerstandkämpfer hat eine Perspektivschwäche.

Das allerdings ist eine gängige Behinderung, die sich vom Neandertaler bis zu den heutigen Gutmenschen und Weltverbesserer als Volkskrankheit durchgesetzt hat. Man projiziert in andere ein Ideal hinein, das man sich selbst zusammenphantasiert. So ist dann wohl mancher Kritiker des Buches zum phantastischen Helden in bedrängter Zeit mutiert, weil diese Selbstschau von der real existierenden eigenen Beschränktheit trefflich abzulenken vermag. Eigene Meinungen sind heute billig zu haben. Einen fraglichen Sachverhalt intellektuell auch nur annährend schlüssig zu durchdenken ist teuer.

Noch kostspieliger wird auch eine kleinlaute Äußerung, die negative persönliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Dann verstummen die Mäuler oder die erfolgreich verdrängte Rechtschreibschwäche macht sich bemerkbar. Ob in der Schule, auf der Universität, am Arbeitsplatz, überall begrenzt sich die Meinungsfreiheit an der Macht und potentiellen Reaktion des jeweiligen Gegenübers. Das war gestern so und hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert. Ob das Denunziantentum merklich nachgelassen hat, kann ich nicht beurteilen. Beim Reichssicherheitsdienst kann man seine Nachbarn jedenfalls heute nicht mehr denunzieren. Aber die Briefkästen der Finanzämter sind voll anonymer Anzeigen und Beschuldigungen. Und manche Finanzämter rufen zum Denunzieren sogar öffentlich auf.

Was wäre Rochus Misch passiert, hätte er seinem »Arbeitgeber« Hitler widersprochen? Und was geschieht dem Leibwächter unseres derzeitigen Innenministers, verwickelt er diesen in eine Diskussion über den »finalen Rettungsschuss«? Nein, ich kann beide Fragen nicht beantworten. Es fällt mir noch nicht einmal ein, in welcher Situation ein Leibwächter seinem Schutzbefohlen widersprechen könnte. Der Leibwächter Hitlers tat es jedenfalls nicht und er sah dazu auch keine Veranlassung.

Es gab keine schriftliche Dienstanweisung und Misch befolgte die ungeschriebene. Wie Menschen diese ungeschriebenen Gesetze »lernen« und sich mit nahezu schlafwandlerischer Sicherheit den jeweiligen Verhältnissen anpassen, thematisiert der Autor nicht. Ich habe nichts anderes erwartet. Eine entsprechende Auseinandersetzung hätte Misch wohl auch überfordert.

Die Auseinandersetzung, die einem Autor heute blüht, schreibt er ehrlich, was er und seine Kameraden damals nach dem Attentat über Stauffenberg gedacht hatten, scheut Misch aber nicht. Die Situation in der Wolfsschanze danach, erzählt der Autor ebenfalls. In knappen Worten, eigentlich nicht erwähnenswert. Was mich sehr nachdenklich machte ist die Tatsache, dass genau diese Situation in drei unterschiedlichen Hitler-Biographien Rosamunde-Pilcher-Format hatten, während Misch vier Sätze dazu benötigt. Da frage ich mich als Außenstehender schon, wer da lügt, wer da verfälscht, dazu gedichtet hat, sich in Szene setzte und den Zeitgeist bediente. Der Leibwächter, der als alter Mann nicht mehr viel zu verlieren hat oder die berufsmäßigen Historiker?

Zufällige Zeugen

Rochus Misch war in seinem Selbstverständnis kein bewusster Zeuge in einer bedrängten Zeit. So konnte zum Beispiel das Personal auf dem Berghof oder in der Wolfsschanze private Bilder knipsen, ohne dass sich irgendwer daran gestört hätte. Und natürlich »wusste« das Personal, derartige Aufnahmen durfte man nicht in der Kneipe feil bieten. Was Misch offensichtlich nicht ahnte war, dass der eigene Chef, seine sich um ihn scharende Clique und man selbst in relativ kurzer Zeit mit Angehörigen einer Verbrecherbande gleichgesetzt werden würde. Konsequenz dieser Ahnungslosigkeit: Man machte keine »historischen Aufnahmen«, sondern eben Fotos, die man verschenkt, zerreist, verliert oder zufällig wiederfindet.

Und wenn sich nach der verlorenen Schlacht, alle in die Reihe der »Generäle« einreihen, die alles schon immer gewusst hatten, steht der Autor abseits, bleibt Leibwächter oder Telefonist und bescheiden. Alleine aus diesem Grund hat das Buch eine Empfehlung verdient.  

Es ist natürlich einfach zu behaupten, dass die damaligen Verhältnisse klar zu kategorisieren waren, dass es keinerlei Intellektualität bedurfte, um zu wissen, dass zum Beispiel die Verfolgung und Vernichtung deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens, ein ungeheuerliches Verbrechen war. Wirklich?

Ich jedenfalls habe nicht den Eindruck, dass bereits meine obige Differenzierung deutsches Selbstverständnis wäre. Die Kategorie »Jude« ist ja bereits eine Selektion. Diese waren nämlich Deutsche in Deutschland. Kultur, Bildung, Haut- und Haarfarbe taugten nicht als Differenzierungsmerkmal. Dass eine Selektion trotzdem möglich war und ist, lag und liegt an den bigotten und rassistischen Gesellschaftsstrukturen. Lange vor Hitler wurde fein säuberlich zwischen Katholiken, Protestanten und eben Juden unterschieden. Pfarrer, Lehrer und Bürgermeister wussten von Amts wegen Bescheid. Die übrigen Christenmenschen beäugten sich gegenseitig und unterstellten den Abergläubigen des anderen Lagers den »falschen Glauben«.

Wer als Sohn einer katholischen Familie, diese mit einer evangelische Schwiegertochter beglücken wollte, musste im Land der Dichter und Denker noch in den 60er Jahren mit Enterbung rechnen. Zwei Generationen später quatschen die Leute über »Kopftuchmädchen« dummes Zeugs und jeder irrationale Gegner des medizinischen Fortschritts gilt als Ethiker. Die gleichen Ethiker haben in der damaligen Zeit von der Kanzel herab und im Religionsunterricht gepredigt, dass »die Juden« den Heiland der Welt gekreuzigt hätten. Ein ungeheuerliches »Verbrechen«, das gemäß der sog. Heiligen Schrift das gesamte Judentum für immer brandmarkt. Goebbels hätte diesen Sachverhalt nicht schändlicher verdrehen können. Denn die damalige römische Besatzungsmacht kreuzigte sehr unspektakulär, weil damals beinahe üblich, einen jüdischen Rabbiner mit Namen Jesus. »Die Kirche«, so Klaus Kinski, »hat das Neue Testament bis zum Massenmord verzerrt.«

Verdrängte Scheideanstalten

Ja, ich weiß, derartige Analysen will man nicht hören. Und Bezüge zur heutige Zeit sind tabu. Warum eigentlich? Es besteht wohl großes Interesse daran, das 3. Reich aus der Kontinuität der Geschichte zu verbannen. Die Betonung liegt auf Kontinuität.

Nicht nur die Firma Degussa existiert kontinuierlich seit 1873. Viele andere Institutionen betätigten sich vor, während und nach Hitler als »Scheideanstalten«. Natürlich nicht von Edelmetallen, aber von Menschen.

Geschichten aus einem fernen Land mögen wir jedoch schon wollen. Sie sind umso interessanter, je mehr der Schrecken die eigene Vorstellungskraft übersteigt. Damit entrückt das 3. Reich in die Gegend um Otto den Großen (~955) und ist nicht mehr Nachfolger des zweiten Reiches und Übergang zu dieser Republik. So betrachtet, schrieb Misch ein erotisches Buch, das die Geheimnisse im Dunkel etwas lüftet. Und deshalb schrieb zum Beispiel der Leibwächter von Kurt Georg Kiesinger (NSDAP-Mitglied und Bundeskanzler von 1966-1969) kein Buch. Die Öffentlichkeit fände nämlich ein derartiges Buch so aufregend wie ein Ehemann nach 30 Jahren Ehe seine nackte Frau.

Nun gibt es also die letzten Notizen, des letzten Zeugen. Die anderen sind wohl nicht durch Passivrauchen umgekommen, denn Hitler war fanatischer Nichtraucher, aber trotzdem gestorben.

Jetzt möchte man es nach über 60 Jahren noch einmal genau wissen. Per Spielfilm, per Doku-Soap, per Buch.

Das farbige Blitzen unterm Rock führt die Spanner rückwärts die Treppe nach unten, während der Sündenpfuhl in unscharfe Höhen entschwindet.

Was sagte das Zimmermädchen zu den Flecken auf dem Betttuch? War er vielleicht verrückt? Hatte er Schaum vor dem Mund, nur einen Hoden, Gehirnerweichung durch Syphilis? Was war mit Eva Braun? Hat sie mit dem Führer oder hat sie nicht? Haben sie es vor dem Selbstmord nochmals miteinander getrieben? So gesehen, wäre Frau Braun natürlich die besser Zeitzeugin. Wer mit dem Führer bumst, muss ja schließlich die richtige Perspektive haben.

Autor Misch ist also zweite Wahl und für die Befriedigung spezieller Bedürfnisse ein enttäuschender Zeuge. Misch schreibt über sein Leben in Deutschland und seine zufällige Aufgabe an der Seite des damaligen Reichskanzlers und Führers. Wichtig waren ihm seine Freundin und spätere Frau, seine kleine Tochter, seine Familie und die Tatsache, dass er mit dieser Abkommandierung (und etwas anderes war es aus der Perspektive des Soldaten nicht) ein paar Vorteile hatte und nicht mehr an die Front musste. Misch schreibt eben, was er vermag.

An seiner Seite fehlte der politisch korrekt denkende Dramaturg, der jede noch so banale Beobachtungen »richtig« beleuchtet, das feiste Gesicht des Größenwahnsinnigen herausarbeitet und den gerechten Untergang des unmenschlichen Einzeltäters und seiner paar Gehilfen perfektioniert.

Dann wäre nämlich die unbequeme Kontinuität von 1871 bis 2011 ff. wieder erträglich. Und es überspielte sich vortrefflich, dass nahezu die gesamte Funktionselite der nationalsozialistischen Gefälligkeitsdiktatur, in den Staatsapparat der heutigen Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde. Tatkräftig und pflichtbesessen hat sie am Aufbau des Wirtschaftswunderlandes mitgewirkt. Nach dem »verlorenen« Krieg fragte diese Apparatschiks dann niemand nach deren Eiern und deren matschigen Gehirnen. Aber auch letzteres hatte Hitlers Leibwächter nicht mitbekommen. Er saß zu dieser Zeit in einem Folterkerker der Sowjetunion.

Eine gute Perspektive, Hitlers Volksstaat zu begreifen, liefert übrigens das gleichnamige Buch von Götz Aly. Es zeigt die wahre Kontinuität auf, in der sich heutiger Staat, heutiges Recht, heutige Administration, heutige Kirche und heutiges Volk befinden.

Autor Misch war jedenfalls am falschen Ort, um sich selbst die richtigen Fragen stellen zu können.

Wo waren aber unsere Großmütter und Großväter, gegebenfalls Mütter und Väter als Hitler gerufen hat, dass bestimmte Leute »heute nicht mehr lachen« oder er vom »Ausradieren« redete? Vielleicht haben sie gerade den jüdischen Nachbarn zum Bahnhof begleitet oder als Finanzbeamter den amtlichen Bescheid mit amtlicher Drohung gefertigt, der dem jüdischen Geschäftsmann eine Sonderabgabe auferlegte.

Wo Rochus Misch war, kann man in seinem Buch nachlesen: Er stand vor der Tür des Sportpalastes, mit dem Arsch an die Führerlimousine gelehnt. So banal war damals Leben - und so banal wird auch das Leben heutiger Kuriere, Leibwächter und Telefonisten sein.

Wer es aber als berufsmäßiger Bildungsbürger nicht glauben mag, unterhalte sich mit dem Pförtner des Bundesfinanzministers über die Komplexität des deutschen Steuerrechts. Vielleicht sollte man sich auch einmal über das Gewaltmonopol unseres heutigen Staates Gedanken machen. Hat man den Alleinvertretungsanspruch auf Gewalt, muss diese sich ja irgendwo als Phänomen bei denen zeigen, die das Monopol nicht haben. Die Rufe heutiger Politiker nach einem »starken Staat«, müssen doch eine Referenz haben. Zur Erklärung: Das Wort Eule referiert mit einem bestimmten Vogel. Und das war und ist unter Otto dem Großen, Wilhelm II, Adolf Hitler und Angela Merkel der Fall. Rochus Misch zeugt davon, einem starken Staat gedient zu haben. Der starke Staat gewährte zum Beispiel Arbeitsplätze, billige Mieten, bezahlbare Lebensmittel und das Gefühl, stolz zu sein, ein Deutscher zu sein. Der Begriff »starker Staat« findet also seinen Wirklichkeitsbezug im 3. Reich. Misch schreibt das nicht, er setzt es als gegeben voraus.

Wer sich heute einer Vorschrift des Staates widersetzt erhält eine schriftlich Drohung. Der Rechtsstaat macht den Bürger darauf aufmerksam, dass nach irgendwelchen Paragraphen in Verbindung mit anderen Paragraphen, er bei Vermeidung von Strafe verpflichtet sei... Der Unterschied zwischen damals und heute besteht lediglich im Vergleich der letztendlichen Konsequenz eines hartnäckigen Widerstandes. Die letztendlichen Konsequenzen von damals waren eindeutig. Die Preise der letztendlichen Konsequenzen heute, kennen in der Regel nur die Juristen. Beschimpft man die entsprechende Sachbearbeiterin, beschimpft man einen heutigen Misch. In Wirklichkeit gibt es keine Chance, sich gegen die Gewaltandrohung bereits dieses Staates zu wehren. Und dies gilt für etwa 99 Prozent aller diesbezüglichen Drohungen. Aber diese »Wahlfreiheit« gilt natürlich nur für den Otto-Normal-Dummkopf (Singular von Volk).

Bestimmte Schreiberlinge haben bereits wieder angefangen, Menschen zu selektieren. Ich bin nicht betroffen, wie mein Herr Vater arisch und katholisch seinerzeit nicht dazu gehörte. Er war eben auch ein Otto-Normal-Dummkopf. Wäre er Jude gewesen, also selektiert, hätte man ihn - wie heute bestimmte Ausländer - aufgefordert, sich zu häuten, und dafür eine Sondersteuer zu zahlen. Der Vergleich der letztendlichen Konsequenzen macht auch hier deutlich, wo wir waren, wo wir sind und in welche Richtung es geht, begleitet man die Selektierten gedanklich zum Bahnhof. Und in einem »starken Staat« klappt das dann auch wieder mit der Eisenbahn. Dämmern die Zusammenhänge?

Fehlschlüssige Gesellschaften

Der Verlag hat Ralph Giordano gebeten, ein Vorwort zum Buch zu schreiben. Ein auch in diesem Staat unbequemer Intellektueller. Ich bin nicht würdig, meinen Senf zu seiner Kommentierung zu geben und werde dies auch lassen. Dass Giordano als Opfer dieses verbrecherischen Volksstaates, in dem der »souveräne Diktator«, wie Carl Schmitt Hitler kategorisierte, den Oberdummkopf spielte, den nötigen Abstand fand, ist bereits bemerkenswert.

Giordano zumindest ist sich bewusst, dass ein Hitler nicht durch einen Leibwächter und Telefonisten zum Monster werden konnte. Der Nationalsozialismus, somit Hitlers Volksstaat, war die »Summe aller Fehlschlüsse« des Zweiten Deutschen Reiches. Und, so Giordano, bedurfte es der vereinten Kraft der bedrohten Menschheit, um ihn als Staatsmacht militärisch unschädlich zu machen. Eine Schande!

Grundsätzlich sollte man aber nichts jagen, was bereits an Alterschwäche verendet ist. Es ist zu spät, weil man von Bundeskanzler Adenauer bis Ministerpräsident Oettinger kollektiv entstraft und nachhaltig vernebelt hat. Die zweite Schande!

Nun sind die Tage der überlebenden Opfer ebenfalls gezählt. Die scheinheiligen Filmchen über »Hitlers Frauen, Frösche und Friseure«, die heute regelmäßig über den Bildschirm flimmern, machen das ungesühnte Unrecht nicht erträglicher. Folgt man ihrer Intension, so mutierte ein schäbiger Lump zum omnipotenten Terminator, der mit seinem perfiden Plan Deutschland in den Untergang trieb. Autor Misch jedenfalls waren derartige Analysen nicht möglich. Offensichtlich fehlte es ihm am geballten Sachverstand heutiger Filmemacher und Falschmünzer. Das Phänomen des Nebels wird durch Spottlichter nicht durchsichtiger, wie jeder Autofahrer wissen könnte. Ein Blinder wird bereits den Nebel nicht sehen, ihm vorzuwerfen, er hätte nicht darin herumgestochert, entbehrt jeder Logik. So bleibt das eigentlich Unerträgliche die erwähnte Nachkriegsvernebelung, die bis heute andauert. Mischs Erinnerungen führen aus diesem Nebel nicht heraus.

Wer sich mit der Banalität auseinandersetzen will, dass in des Führers Brust ein Menschenherz geschlagen hat, ist mit dem Buch von Rochus Misch gut bedient. Wer wissen will, ob der Leib durch den Wächter auch gut geschützt war, kommt ebenfalls zu neuen Erkenntnissen. Misch sorgte sich auch einmal um die Wärmflasche des Reichskanzlers. Zweifellos wird man die deutsche Geschichte deshalb nicht umschreiben. Hätte der Autor jedoch Dinge bezeugt, die diametral zur heutigen Geschichtsschreibung gestanden hätten, so befürchte ich, aber auch nicht. Denn wie gesagt, er war ja nur ein Leibwächter.

Wer verstehen will, dass Staatsapparate per se gewalttätig sind und nur in dialektischer Beziehung zu fehlschlüssigen Gesellschaften funktionieren können, wird andere Bücher lesen müssen. Misch wird dieser Ansatz fremd bleiben, wie den meisten Menschen auf dieser Welt.


Besprochenes Buch: Misch, Rochus: »Der letzte Zeuge: Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter« (ISBN-13: 978-3492257350; Piper; Auflage: 8)

 
Erstellt am 05.10.2012, zuletzt aktualisiert am 03.04.16, Alle Rechte vorbehalten.  
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